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Die Zuhörerin (Selma Siegfried)

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Foto: Andreas Fischer

Ihr Beruf habe darin bestanden zuzuhören, sagt die frühere Psychiaterin. Sie rede nicht gern, schon gar nicht über sich. Und wirklich: Bald ist es sie, die die Fragen stellt.

Am Anfang hat man das Gespräch noch im Griff. Man fragt nach der Kindheit, der Jugend, dem Studium. Selma Siegfried kommt in Beringen im Kanton Schaffhausen als zweites von sechs Kindern zur Welt. Die Mutter stirbt mit 41 Jahren. Der Vater – Reallehrer und Gründer des lokalen Blaukreuzes – ist fortschrittlich gesinnt: Die Mädchen erhalten dieselben Ausbildungsmöglichkeiten wie die Buben. Selma studiert Medizin in Zürich und Kiel. Das ist zur Zeit des Nationalsozialismus, vor manchen Restaurants steht geschrieben: Wer nicht mit Heil Hitler grüsst, soll draussen bleiben.

1939 macht Selma Siegfried das Staatsexamen. 1944 verliert sie bei einem Velounfall das Bewusstsein und beinahe das Leben. 1953 beginnt sie, in eigener Praxis zu arbeiten. 1972 zieht sie in eine Wohnung im Kirchgemeindehaus an der Stettbachstrasse. Das Zimmer, in dem sie mich empfängt, war früher der Praxisraum für Kindertherapie. «Hier stand der Sandkasten und hier das Kasperlitheater», schildert sie das damalige Interieur. Im Zimmer nebenan fanden die Gesprächstherapien mit Erwachsenen statt.

Einer bestimmten Richtung gehörte sie nie an. Den stärksten Einfluss übte C. G. Jung auf sie aus, ihn hörte sie noch bei Vorlesungen und las seine Werke. Doch als eigentliche Jungianerin mag sich Frau Siegfried nicht bezeichnen. «Jeder Mensch ist anders, auf jeden muss man sich wieder neu einstellen », beschreibt sie ihre vorurteilslose Sicht. Auch Religion hatte Raum in ihrer therapeutischen Tätigkeit. Wenn dieses Gebiet einbezogen wird, dann sind die Heilungschancen grösser, ist sie überzeugt. Zu ihren Klienten zählten Anthroposophen, Buddhisten, Diakonissen, katholische Nonnen. «Eine kam zum Entschluss, aus dem Orden auszutreten», erinnert sie sich. «Es war die innere Entwicklung, die dahin führte, dass sie mehr Freiheit brauchte.»

Selma Siegfried ist streng reformiert aufgewachsen, doch die therapeutische Arbeit und die Lektüre religiöser und psychologischer Literatur weckten ihr Interesse für verschiedenste Formen von Spiritualität. Auf dem Tischchen liegen neben der NZZ ein «Lexikon der islamischen Kultur» und «Drachenläufer» von Khaled Hosseini. «Ich habe gehört, Sie bieten diese Schweigestunden in der Kirche an», sagt sie. «Da wäre ich früher sicher auch einmal hingekommen, aber jetzt brauche ich es nicht mehr.» «Haben Sie eine Vorstellung, was Sie erwartet ...», frage ich. «... in der Ewigkeit? Nein. Wissen Sie’s?» Nun dreht sich das Gespräch. Auf die Fragen, die nun gestellt werden, bin ich nicht gefasst, nicht in diesem Kontext. Ob ich eine gute Beziehung zu Gott habe? Ob ich immer wisse, was er von mir wolle? Ob er antworte, wenn ich bete? Ob man da nicht ins Leere rede?

Ich erzähle stammelnd ein paar Erfahrungen, die mir spontan in den Sinn kommen. Erfahrungen seien das wichtigste, sagt Frau Siegfried. Das Leiden in der Welt habe sie immer beschäftigt. Sie sei überzeugt, dass es die Persönlichkeit formt. «Nein, ich möchte es nicht missen», lautet ihr Fazit langjähriger Reflexion. «Mein Vater war ein frommer Mann, er klagte nie, als die Mutter starb, er lehnte sich nicht gegen Gott auf, und darin war er uns ein grosses Beispiel und auch den Leuten im Dorf. Das überzeugte alle.» Die professionelle Zuhörerin bringt ihre eigenen Einsichten nun doch noch zur Sprache. «Warum sollte es nicht – wie in der Technik – viele unsichtbare Sachen geben? Engel zum Beispiel?», fragt sie. Und weiter: «Dass ich den Unfall überlebte, dazu hat vielleicht doch die Fürbitte mancher Menschen beigetragen, wer weiss. Einer Ihrer Vorgänger, Pfr. Hans Studer, soll der Kirchenpflege einmal gesagt haben: Hebed de alte Fraue Soorg – die beten für uns. Vielleicht ist das Gebet ja doch etwas Wichtiges.»

Andreas Fischer

Erschienen in: Kirchenbote lokal Nr. 18 vom 21.9.2007

 
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