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Steh auf und sei frei (Nelly Kündig)

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Nelly Kündig mit Töchtern in einer Parkanlage von Johannesburg

Auf dem Sofa liegt die Lismete: kleine, hellblaue Finkli für den neugeborenen Enkel. In einer Ecke stehen Ordner mit den Protokollen von Kirchenpflege, Konvent, Kantorei. Letztere präsidiert Nelly Kündig noch bis März dieses Jahres.

An das Datum ihres Eintritts erinnert sie sich genau: Es fällt zusammen mit ihrem Umzug von Oberglatt nach Schwamendingen Anfang 1993. Schon in Oberglatt sang sie im Kirchenchor. «Aus Jugendzeiten hatte ich zwar so eine Vorstellung, da sängen lauter graue Gestalten. Doch dann gingen mein Mann und eine der Töchter jeweils am Dienstagabend singen, und wenn sie zurückkamen, waren sie stets gut gelaunt. Ich selber, die den Abend mit Waschen und Bügeln verbracht hatte, war hingegen oft nicht gut gelaunt, und diese Differenz fiel mir auf.»

Also trat sie in den Chor ein, und nach dem Umzug nach Schwamendingen war es für sie selbstverständlich, dass sie auch hier in der Kantorei mitmachte. «Eigentlich komme ich von der Volksmusik – Schlager, Ländler, Jodeln, das ist meine Welt, doch dann machte ich die Erfahrung, dass geistliche Musik gerade in schweren Zeiten echte Lebenshilfe sein kann. Man fängt an, die Worte und Melodien in sich zu spüren, man ist ganz erfüllt davon. Das hat mir manchmal geholfen, über die Runden zu kommen.»

Tatsächlich gab es im Leben von Nelly Kündig schwere Zeiten, etwa, als ihre Mutter 33-jährig starb. Sehr früh war das Mädchen emotional auf sich selbst gestellt. Und nach acht Schuljahren musste es arbeiten gehen. Indessen scheint aufs Ganze gesehen nicht Schwere, sondern eher «Abenteuer » das Leitwort dieser Biografie zu sein. «Es war sehr abenteuerlich», unterbricht Nelly mehrmals ihren Erzählfluss. Von Schaffhausen zog sie nach Basel, dann nach Genf. Im Restaurant, in dem sie dort arbeitete, erhielt sie keinen Lohn, dafür fürstliches Trinkgeld. «Superreiche wie Aga Khan gingen dort ein und aus», erinnert sie sich. Dann spürte sie, dass die Genfer Zeit zuende war. «In Zürich bin ich noch nie gewesen», sinnierte sie, und packte ihr Köfferchen. In Zürich lernte sie ihren späteren, viel späteren, Mann kennen. Denn Nelly wollte noch etwas von der Welt sehen. Sie fand eine Stelle als Nanny bei einer jüdischen Familie in Long Island, einem reichen Aussenquartier von New York. Später fuhr sie von dort mit einem Frachtschiff nach Kapstadt, wo ihr Freund arbeitete. Unter den Besatzungsmitgliedern waren Wetten am Laufen, ob sie abgeholt oder wieder mit nach Amerika zurückkehren würde. Sie wurde abgeholt.

Es folgten Heirat und acht glückliche Jahre: «das pulsierende Leben Afrikas, fast immer schönes Wetter, es war wie Ferien». Indessen blieb ein Unbehagen gegenüber der Mentalität der Weissen im Apartheid-Staat, und als das älteste von Nellys drei Mädchen eingeschult werden sollte, beschloss man, in die Schweiz zurück zu kehren. «Ja, und die Wälder spielten auch eine Rolle: Ich vermisste die Wälder. Als Kind war ich oft im Wald, sammelte Erd- und Himbeeren und beobachtete Ameisen. Ich ging tief ins Dickicht hinein, hatte nie Angst und fand immer den Weg nach Hause. Wenn es regnete, setzte ich mich unter eine grosse Tanne.»

«Allerdings glaube ich nichts ...» Nelly unter der Tanne – das Bild symbolisiert die Spiritualität der inzwischen über siebzig Jahre alten Frau, die mir gegenübersitzt. «Ich interessiere mich für diesen Glauben 12- Kurs, den ihr da anbietet. Allerdings glaube ich nichts», sagt sie und hält inne, bevor sie weiterfährt: «Ich bin erfüllt von der Gewissheit, dass wir im liebenden Schoss der Schöpfung sind. Das schützt uns nicht davor, dass wir den Kopf anschlagen. Doch ich möchte keine Träne missen, die ich in meinem Leben geweint habe. Ich liebe das Leben, und ich bin überzeugt: Je mehr man von innen her ein freudiges Leben lebt, desto mehr dient man der Schöpfung. Manchmal fühle ich mich schwach und voller Fehler – doch dann nehme ich Gott als riesigen Körper wahr, an dem wir alle irgendwie dran sind, von dem wir uns nähren und aus dessen Substanz wir selber sind. Auf dieser Ebene habe ich keine Angst. Die Ängste kommen erst wieder, wenn ich ausserhalb von mir selber, wenn ich im Ego bin.»

Fünfzehn Jahre lang war Nelly Kündig Präsidentin der Kantorei. Sie machte die Aufgabe gern und gut. Der Zeitpunkt für den Rücktritt ist ideal. Der Chor blüht, und die Nachfolge ist geregelt. Einfach so singen gehen können, darauf freut sie sich. Und mehr Zeit zu haben, um ab und an ein paar Sätze aus einem spirituellen Buch zu lesen und innere Erfahrungen damit zu machen. Eines dieser Bücher zeigt sie mir beim Hinausgehen. Seine Überschrift – «Steh auf und sei frei» – scheint die ihres Lebens zu sein.

Andreas Fischer

Erschienen in: Kirchenbote lokal Nr. 5 vom 7.3.2008

 
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