Agenda Aktivitäten Begleitung Kontakt Texte und Bilder Predigten Downloads  

Gefrorene Milch (Jürgen Langhans)

HerrLanghans.jpg

Jürgen Langhans ist einer unserer Lektoren. Ein paar Mal schon fragte ich mich, was seine Stimme, die biblische Texte so eindringlich vorzutragen vermag, sonst noch mitzuteilen hat. Also bat ich ihn, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen. Am Ende eines langen Nachmittags war der Schreibblock vollgeschrieben. Was ich zu hören bekommen hatte, war erst die Skizze der Kindheit.

Der Name verrät, was dem Dialekt kaum anzumerken ist: Jürgen Langhans war ursprünglich Deutscher. «Eines Tages sagte mein Lehrmeister zu mir, jetzt sei fertig mit hochdeutsch. Von da an habe ich Mundart gesprochen.» Was vorher war, habe er nie an die grosse Glocke gehängt. Von dem Haus, in dem er bis zur Flucht lebte, seien nach dem Krieg noch genau zwei Ziegelsteine übrig geblieben. Inzwischen ist die Stadt Allenstein im ehemaligen Ostpreussen und heutigen Polen von 50000 auf 250000 Einwohner angewachsen. Über den Ort, wo das Haus einst stand, führt heute eine sechsspurige Autobahn. Die Vergangenheit ist tief unter Beton begraben, und Jürgen Langhans ist froh darum, dass das Haus weg ist: «Es ist Schluss und vorbei.»

Doch die Erinnerung bleibt. Ihre Präzision entspricht jener, mit der Jürgen Langhans später in der Schweiz beim Paul Scherrer- Institut als Maschinen-Ingenieur die Montage des Teilchenbeschleunigers und der Experimentierareale geleitet hat. Trotzdem sagt der 78-Jährige, man könne das Erlebte gar nicht wirklich beschreiben. «Der grösste Teil ist unvorstellbar – es ist ein Grauen.»Der Vater wurde an die Ostfront geschickt. Auf seinem letzten Brief stand, verbotenerweise und kaum lesbar, eine Ortsangabe: Charkow – die heftig umkämpfte Stadt in der Ukraine. Das war 1943.

Bis zum Start der sowjetischen Winteroffensive am 12. Januar 1945 war das Leben in Ostpreussen relativ angenehm. Man pflanzte selber Feldfrüchte an, hatte Federvieh und sogar eine Milchkuh. Mit dem Angriff der Russen wurde alles anders. Jürgen war damals vierzehneinhalb Jahre alt. Es war ein harter Winter, die Temperatur lag 20 Grad unter dem Gefrierpunkt. Um 10 Uhr morgens hiess es, in drei Stunden werde man von Bauern mit Pferdewagen abgeholt, solange war Zeit zum Packen. Man wartete, doch die Bauern kamen nicht – «die waren abgehauen, und aus heutiger Sicht muss ich sagen: Ich verstehe sie.»

Jürgens Grossvater hatte ein Transportunternehmen mit Lastwagen, bis diese vom Militär requiriert wurden. Von da an besass er einen Wagen mit zwei Rossen. Auch er versuchte zu fliehen. Doch die Russen holten ihn ein, die Rosse wurden ausgespannt, der Grossvater Richtung Osten in Marsch gesetzt, die Grossmutter sass mit dem Gepäck allein auf dem Wagen. Der Grossvater konnte die Sowjets später davon überzeugen, dass er Schweizer sei – tatsächlich war er Ende 19. Jahrhundert aus dem Jura nach Ostpreussen ausgewandert –, man liess ihn laufen, er kam an dem Haus vorbei, in dem Jürgen aufgewachsen war, es war abgebrannt, auf der Kellertreppe lagen Leichen. Jahre später sah er Frau, Tochter und Enkelkinder wieder in der Schweiz.

Jürgens Weg dahin war verschlungen. Er führte von Allenstein nach Königsberg, dann mit dem Schiff nach Mecklenburg und später über die Zonengrenze nach Westfalen. Dann wieder zurück nach Mecklenburg, dann nach Berlin. Weshalb er überlebte? Zufall, Fügung und Gnade, Schlauheit und bedingungsloser Wille wirkten wohl irgendwie zusammen. In Königsberg fuhr das Tram «in eine Richtung, die für uns nicht mehr gut war.» Die Mutter stieg mit Jürgen und seiner jüngeren Schwester aus. Der jüngste Bruder blieb sitzen. Die Mutter schrie, das Tram hielt an, der Kleine stieg aus. 200Meter weiter wurde das Tram von einer Bombe getroffen.

Einmal fand der hungrige Junge gefrorene Milch, kratzte sie aus dem Behälter und wärmte sie. Sie war noch gut. Ein anderes Mal entdeckte er gefrorenen Fisch unter einer Plache. Er wartete, bis sich die Wachpatrouille etwas entfernt hatte, dann füllte er eilig die Mantelsäcke. Mit Blick auf die Gegenwart sagt Jürgen Langhans: «Es ist eine echte Versuchung, dass Leute aus Kriegs- und Krisengebieten ihre erlernten Überlebenstricks nun auch hierzulande anwenden.»

Das Gedränge auf die rettenden Schiffe in Pillau – dem Hafen bei Königsberg – war gnadenlos. Menschen stürzten ins Wasser und erfroren. Mutter Langhans mit ihren drei Kindern durfte schliesslich mitfahren. Im Boot sassen auch sogenannte «Goldfasane», hohe Nazis. Als man in Rügen ankam, war das Schiff von einem Eispanzer bedeckt. Bald darauf marschierten die Russen in Mecklenburg ein. Dem Jungen drohte die Deportation. Es gab nur eines: sich von der Familie abzusetzen und auf eigene Faust über die Zonengrenze zu fliehen. Es folgte ein Vabanque-Spiel mit Schüssen von hinten und Sumpfgebiet vorn. Herr Langhans bricht die Erzählung ab. «Krieg ist etwas Grässliches. Soldaten, die das nicht mitmachten, waren nicht feige. Da geschahen so sinnlose Dinge. » Die Flucht gelang. Der Junge kam zunächst in Westfalen bei einer Tante unter. Der Krieg war zu dem Zeitpunkt schon lange zuende. Dann erhielt Jürgen einen Brief von der Mutter: Man reise in die Schweiz.

Zwischendurch schenkt Frau Langhans immer wieder Kaffee nach. Meine Hände zittern. Erst beim Aufstehen bemerke ich das Buch auf dem Tisch: «Der unvergessene Krieg».

Andreas Fischer

Erschienen in: Kirchenbote Nr. 7 vom 4.4.2008

 
Die Gemeindeseite als PDF-Dokument
mehr...
Sommergottesdienste "Stein um Stein"
mehr...
Fotos von vergangen Anlässen
mehr...
Die Website finden Sie hier
mehr...
Nächste Anlässe:
Gottesdienst
Am 20.10.2019 um 10:00 Uhr
Kirche Saatlen, Saatlenstrasse 240, Pfarrteam
mehr...
Zmittag für Alle
Am 22.10.2019 um 12:00 Uhr
Kirchgemeindehaus, Stettbachstrasse 58, Bettina Balli, Sozialdiakonische Mitarbeiterin
mehr...
Kreativ-Atelier für Frauen
Am 22.10.2019 um 14:00 Uhr
Kirchenzentrum Saatlen, Saatlenstrasse 240,
mehr...
Singkreis Schwamendingen
Am 22.10.2019 um 09:30 Uhr
Kirchgemeindehaus, Stettbachstrasse 58, Karl Scheuber
mehr...
Bibelteilen
Am 23.10.2019 um 12:00 Uhr
Kirchgemeindehaus, Stettbachstrasse 58, Pfarrteam
mehr...
Malatelier für Kinder und Jugendliche mit einer Beeinträchtigung
Am 23.10.2019 um 14:00 Uhr
Kirchenzentrum Saatlen, Saatlenstrasse 240, Nora Wittlinger
mehr...
Malatelier für Kinder und Jugendliche mit einer Beeinträchtigung
Am 23.10.2019 um 15:00 Uhr
Kirchenzentrum Saatlen, Saatlenstrasse 240, Nora Wittlinger
mehr...
Bildungsabend
Am 23.10.2019 um 19:00 Uhr
Kirchenzentrum Saatlen, Saatlenstrasse 240, Jiri Dvoracek, Pfarrer
mehr...
Erste Kirchenkreisversammlung
Am 24.10.2019 um 19:00 Uhr
Kirchenzentrum Saatlen, Saatlenstrasse 240, Andi Stoll, Präsident Kirchenkreiskommission
mehr...