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Der Flüchtling (H.)

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«Da ist er aufgewachsen»: Foto aus H.s Privatarchiv

Sein Finger gleitet über die Karte. Ab und an bleibt er an einer Stelle stehen, und H. nennt die Namen von unbekannten Städten in Afghanistan. C. kommentiert mit knappen Worten: „Da ist er aufgewachsen. Dahin wurde er zurückgeschafft. Das war der Ausgangspunkt der Flucht.“

Sie legt ihre Hand neben seine. „Schau mal unsere Hände“, sagt sie zu mir. „Wir sind beide gleich alt, aber wir haben so Verschiedenes erlebt. Und alles Erlebte ist in den Händen eingezeichnet.“ H. ist Asylant aus Afghanistan, C. Studentin aus Deutschland. Wir haben uns an der Schwamendinger Chilbi kennen gelernt. Nun sitzen wir zusammen im Pfarrhaus. H. erzählt seine Geschichte.

Seit vier Jahre weilt er in der Schweiz. Für die kurze Zeit spricht er ausgezeichnet deutsch. Dennoch geht nichts ohne C. Sie sei seine Anwältin, sagt er, und sein schmales Lächeln macht deutlich, dass das nicht einfach ein Scherz ist. H. hat mit solchen Gesprächen keine guten Erfahrungen gemacht. Vor vier Jahren wurde er in Kreuzlingen verhört, als er dort um Asyl nachfragte. Der Übersetzer damals war ein Paschtune. Die Zuständigen von der Migrationsbehörde waren sich offenbar nicht bewusst, dass das ein Problem war. Der Übersetzer verfälschte die Informationen absichtlich.

Denn das Volk der Paschtunen und das Volk der Hazara, dem H. angehört, sind sich feindlich gesinnt. Aus ethnischen und auch aus konfessionellen Gründen – die einen sind Sunniten, die anderen Schiiten – ist die hazarische Minderheit Diskriminierungen ausgesetzt. Als die – paschtunischen – Taliban an die Macht kamen, wurde das Leben für die Hazara gefährlich. Taliban-Schergen, erzählt H., seien durchs Land gezogen, haben Kinder und Jugendliche gefragt, wie alt sie sind, und ihnen mit Hämmern die entsprechende Anzahl Schläge auf den Kopf gegeben.

Mord im rechtsfreien Raum
Als Zehnjähriger flüchtete H. zum ersten Mal. Es war Ramadan, tagsüber durfte er nichts essen, musste Turban und alte Kleider tragen, um nicht als Hazara aufzufallen. Mit Hilfe einer „Mafia“ – wie H. die Schlepperbanden nennt – kam er in den Iran. In Teheran wurde er von der Polizei aufgelesen und ins Gefängnis gesteckt. 21 Tage verbrachte er dort, zusammen mit tausend anderen Afghanen, von denen täglich einige starben und nicht beerdigt wurden, ohne Bett, unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Zu essen gab es täglich ein Stück Brot. Dann wurde er nach Afghanistan zurückgeschafft. Weil er dort nicht bleiben konnte, flüchtete er erneut in den Iran und schlug sich ein paar Jahre als eine Art Hirt in den Bergen durch.
2001 marschierten die Amerikaner in Afghanistan ein und stürzten das Taliban-Regime. Der Junge kehrte zu Eltern und Schwester in die Heimat zurück. Der Transport wurde von der Caritas organisiert. Es schienen bessere Zeiten anzubrechen. Auch zuhause arbeitete H. als Hirt in den Bergen. Eines Tages suchte ihn dort jemand auf und erzählte ihm, sein Vater sei ermordet worden. Der Nachbar – ein reicher Mann aus einer grossen, mächtigen Familie – hatte ihn willkürlich getötet.

Ich stelle die naive Zwischenfrage, ob er sich an Polizei und Justiz gewendet habe. Doch dort, wo H. herkommt, gilt das Recht des Stärkeren. Wenige Tage später kamen drei Männer mit Macheten in den Garten, wo H. gerade arbeitete. Er rannte weg, einfach weg, ohne Abschied zu nehmen. Zum dritten Mal floh er in den Iran. Dort wurde er von Helfershelfern des Nachbarn weiter verfolgt. Er fand eine Mafia, die ihn nach Europa transportierte. Es folgten Nachtmärsche bei Regen und Schnee, ohne Essen und Trinken, Lastwagenfahrten zusammengepfercht hinter Holzbalken, Meeresfahrten, bei denen das eine Boot unterging, das andere von der Polizei gefasst wurde. Das Boot, in dem Nichtschwimmer H. sass, kam in Griechenland an. „Ich machte zu der Zeit mein Abitur“, wirft C. ein. An Athen vorbei, wo gerade die Olympischen Spiele stattfanden, ging die Flucht weiter nach Italien und endete schliesslich nach einer eigentlichen Tour d’ Europe in der Schweiz. H. meldete sich in Kreuzlingen.

Nächstenliebe
Nach dem vom Paschtunen übersetzten Interview gilt er als Wirtschaftsflüchtling. Ausgeschafft werden kann er nicht, weil in Afghanistan Krieg herrscht. Er arbeitet als Tellerwäscher, lernt deutsch in einem Kurs, den er selber bezahlt, interessiert sich fürs Christentum. Warum? frage ich. Weil er viele Christen kennen gelernt habe, die freundlich sind und ihm helfen wollen, einfach so, aus Nächstenliebe. „Was Nächstenliebe anbelangt“, sagt C., „kann man viel von ihm lernen. Er hat ein Herz aus Gold, gibt, wann immer jemand etwas braucht. Er hat so viel Böses erlebt und könnte doch niemals böse sein zu irgendjemandem.“

H.s grosser Wunsch ist es, seine Mutter und seine Schwester wieder zu sehen. Die beiden halten sich illegal im Iran auf. Immerhin besteht ein Kontakt per Handy. Dass er, der einzige Sohn, der Mutter aber nicht helfen kann, das belastet ihn.

Andreas Fischer

Erschienen in: Gemeindeseite Nr. 20 vom 17.10.2008

 
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