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Der Sonntagsschullehrer (Rolf Renz)

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Rolf Renz (Foto aus dem Privatarchiv)

Alles Bitten und Mahnen nützt nichts. Rolf Renz rennt. Durch die Unterführung, die Treppe hoch, übers Perron – ich bin meist einen Schritt hintendrein. Rolf Renz ist bald neunzig.

Die Sorgen sind nicht unbegründet. Der alte Mann stolpert immer mal wieder über seine flinken Beine. Und er hat schon Stürze erlebt, die andere nicht überlebt hätten. Er sei halt ein Hans-guck-in-die-Luft, sagt er, und dafür sei er eigentlich dankbar. Aber es stimme schon, er brauche viele Schutzengel.

Mit Hans-guck-in-die-Luft meint er vor allem sein heiteres Gemüt, das ihm auch in schweren Mo-menten seines Lebens nie abhanden gekommen ist. Ich frage ihn nach seinen Grundüberzeugungen. Zunächst antwortet er, die seien „verschleiert“. Die letzte Wirklichkeit bleibe im Dunkeln. Er habe aber keinen Zweifel, dass Jesu Wort: „Niemand kommt zum Vater als durch mich“ nicht einfach so absolut für alle gelte. Es seien Gottes, nicht unsere Gedanken, die einst über unsere Wege bestimmen. Was das für uns selbst, aber auch für Muslime, Hindus und Buddhisten bedeute, das wisse man nicht. Die „Gedanken“ sind dann auch das Stichwort für die zweite Antwort: Es gebe Leute, die denken immer negativ und sehen alles schwarz, das ärgere ihn. Er versuche, positiv zu bleiben. Das sei ihm für sein Leben und seinen Beruf ein wichtiger Grundsatz.

Anekdoten aus Jahrzehnten
Rolf arbeitet heute noch als Coiffeur, noch immer in dem Geschäft, in dem er vor einem dreiviertel Jahrhundert bei seinem Vater in die Lehre gegangen war. Nach Lehrabschluss wollte er nach Nizza. Doch dann kam die Landesausstellung, und weil das Geschäft davon profitierte, sagte der Vater: „Während der Landi bleibst du hier.“ Dann begann der Krieg. Nach dem Krieg wollte Rolf nach Australien auswandern. Doch die nahmen keine Coiffeure. 1946 starb der Vater, nachdem er kurz zuvor das Geschäft verkauft hatte.

Rolf wurde am alten Ort Mitarbeiter eines neuen Chefs. Es sei ein weiser Entscheid gewesen, das Geschäft nicht selber zu übernehmen, meint er im Rückblick. So konnte er jeweils am Abend die Türe hinter sich schliessen, ohne sich gross Gedanken zu machen. Dann wurde der Coiffeur, wie Rolf träf formuliert, zum Sonntagschullehrer.

Fünf Jahrzehnte lang hat Rolf Renz Kindern biblische Geschichten erzählt, zuerst in der Helferei beim Grossmünster, dann in Schwamendingen. Dabei war er nicht besonders kirchlich aufge-wachsen. Pfarrer Farner habe so seltsam mit dem Zeigefinger gestikuliert, und sein Vater habe den Eindruck gewonnen, er zeige immer auf ihn. Deshalb habe man die Gottesdienste gemieden. Die Mutter sei ursprünglich katholisch gewesen. Als man den kleinen Rolf taufen wollte, habe der Priester gesagt, er müsse katholisch werden, sonst sei er ein verlorenes Schaf. „Das nehme ich auf mich“, habe die Mutter geantwortet. Es war dann eine Dame aus der Zürcher Oberschicht, die Rolf davon überzeugte, Sonntagschullehrer zu werden. Er könne gut zuhören, sagte sie zu ihm, folglich könne er auch gut erzählen. „Ja, und dann“, resümiert Rolf, „zog es mir den Ärmel rein.“

Der Weg durch die Jahrzehnte als Sonntagschullehrer ist mit Anekdoten gespickt. Einmal erkundigte sich Frau Pfarrer Studer nach den Details seiner Erzählung. Ihr Sohn habe zuhause berichtet, es sei um König David und Batseba gegangen – und habe das Fehlverhalten des Königs in Schutz genommen: Batseba sei halt gar eine schöne gewesen. Ob Lehrer Renz deren Schönheit nicht allzu farbig geschildert habe, fragte Frau Pfarrer besorgt.

Prominenz bei Renz
Ein paar Mal schon ist mir Rolf Renz’ erstaunliche theologische Bildung aufgefallen. Sie komme von den Sonntagschulvorbereitungen, sagt er. Man könne Geschichten nicht einfach aus dem Ärmel schütteln. Man müsse die Bibel genau lesen, wenn man gut erzählen wolle. Ausserdem hat die Lage des Geschäfts gleich neben dem NZZ-Gebäude an der Falkenstrasse dazu beigetragen, dass sich bei Rolf Renz gebildete Kundschaft die Haare schneiden liess. „Die waren schon besorgt, dass ich die richtigen Sachen lese“, sagt er. Auch geheimnisvolle Gestalten tauchten auf. Zur Zeit des Nationalsozialismus erschien ein Jude mit einem Köferli, das Bürste, Schere, Rasierzeug usw. enthielt. Er liess es gleich im Geschäft und war fortan Stammkunde, bis er kurz nach Kriegsende starb. Es war, als hätte er nur dieses noch erleben wollen. Später fand Rolf in einem Lexikon ein Porträt von der Frau dieses Mannes. Der Maler war Gustav Klimt.

Milchschaum und eine schlaflose Nacht
Rolf erzählt die Geschichten auf einer langen Zugfahrt. Sie kommen leicht daher wie der Milch-schaum des Cappuccino, den wir trinken. Wie schwerelose Schönwetterwolken am blauen Himmel dieses Hans-guck-in-die-Luft. Am anderen Tag sagt er zu mir, er habe nicht schlafen können. Unser Gespräch sei ihm nachgegangen. Hinter dem Leichten verbirgt sich Tiefe. Hinter dem Anekdotischen Nachdenklichkeit. Als seine Frau an einer dementiellen Krankheit litt, pflegte er sie jahrelang. Doch dessen mag er sich nicht rühmen. Vielmehr kommt er ins Grübeln, ob er sie nicht doch zu sehr allein gelassen habe bei der Erziehung der drei Töchter – eine davon mit Down Syndrom –, wegen seiner Arbeit und seines kirchlichen Engagements. Kunden, Kirche und Kinder aber attestieren dem lustigen Luftibus Treue.

Andreas Fischer

Erschienen in: Gemeindeseite Nr. 3 vom 30.1.2009

 
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