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Der Seelsorger (Harry Bertschinger)

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Harry Bertschinger, Pfarrer in Schwamendingen von 1966-1979

In den 22 Jahren, die Harry Bertschinger als Spitalpfarrer arbeitete, war dies sein wichtigstes Anliegen: Zeit zu haben. „Ich bin der, der Zeit hat“, lautete seine erste Botschaft an die Patienten. Er vermittelte sie auch dann, wenn er objektiv gesehen überhaupt keine Zeit hatte. Doch Zeit ist weniger eine Sache des tickenden Zeigers als der Präsenz.

Ich frage nach den Einsichten, die er an den Kranken-, Sterbe- und Totenbetten für sich gewonnen hat. Er antwortet mit einem Epigramm des Barockdichters Andreas Gryphius (1616-1664):

„Mein sind die Tage nicht, die mir die Zeit genommen. / Mein sind die Jahre nicht, die etwa mögen kommen. / Der Augenblick ist mein, und nehm’ ich den in Acht, so ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.“

Dieses achtsame Da-Sein im Augenblick ist für ihn das einzige, was im Angesicht des Todes wirklich trägt. Alle Erfahrung, alle erlernten Techniken und Methoden – so wichtig sie sein mögen – treten zurück. Oft entstehen die angemessenen Worte erst in der konkreten Begegnung mit einem sterbenden Menschen.

In der Pilot-Gemeinde
Erst gegen Ende des Gesprächs – sinnigerweise auf dem Schiff, das uns ans andere Ufer bringt – äussert Harry Bertschinger diese Gedanken. Man spürt, er weiss, wovon er spricht, und es erstaunt einen nicht, dass er im Verlauf seines beruflichen Weges die Seelsorge als seine besondere Begabung entdeckte und sich dann darauf spezialisierte. Doch Bertschinger hat auch ganz andere Seiten.

Sie kommen zum Vorschein, wenn er von den alten Schwamendinger Zeiten erzählt. Er habe es geliebt, als Allrounder zu arbeiten, und das Team sei top gewesen. „Paroisse pilote“ habe man die Gemeinde genannt. Man sei den anderen stets ein wenig voraus gewesen, mit den Ideen, den Projekten, dem Predigtstil. 1967, zur Zeit des Sechstagekriegs, habe man Palästinenser und Israeli gemeinsam an einen Tisch gebracht, ein Jahr später, beim Globuskrawall, Stadtpräsident Dr. Sigmund Widmer und den Wortführer der Studenten. „Weisch, Sigi“, habe dieser – den Stapi duzend – das Gespräch eröffnet, „wir Studenten wollen an die Macht.“

Vikarinnen und Vikare seien nach Schwamendingen gekommen und haben einen neuen, enorm direkten Stil mitgebracht. „Ehrlicherweise kann ich jetzt nicht beten“, habe einmal einer gesagt, und zwar im Gottesdienst, an der Stelle, wo man eigentlich das Eingangsgebet erwartet. Das sei nicht nur für die Gemeinde, sondern auch für die Pfarrer, die „ungebrochen den Dienst zu verrichten versuchten“, „eine Überraschung“ gewesen.

Zusammen mit Paul Buol, der damals noch Sekundarlehrer in Schwamendingen war und später selber Pfarrer wurde, bot Bertschinger erste erwachsenenbildnerische Veranstaltungen an. „Jesus Christus – ein Revolutionär?“ lautete das Thema eines Kurses, bei dem ein ziviler Polizist eingeschleust wurde. Darauf sei er fast ein wenig stolz, schmunzelt Harry Bertschinger vier Jahrzehnte danach. Nicht nur im erwachsenenbildnerischen, auch im spirituellen Bereich versuchte man Neues. Zusammen mit Pfr. Matthis Thurneysen begann Bertschinger 1966 – dem Jahr, in dem er nach Schwamendingen und ich selber zur Welt kam – mit Taizé-Feiern. Das Experiment hat nachhaltige Wirkung, die Feiern finden heute noch statt.

Theologische Wurzeln
Man fragt nach den Wurzeln eines Pfarrers mit so breitem Horizont. Sie sind zunächst – wie bei den allermeisten Pfarrern dieser Generation – in der Wort-Gottes-Theologie von Karl Barth und Eduard Thurneysen (dem Vater von Matthis Thurneysen) zu finden. Das sorgfältige Bibelstudium, das er von dort mitgenommen hat, wendet er heute noch an – bei gelegentlichen Predigten und besonders bei seinen regelmässigen Beiträgen für die Telebibel. „044 252 22 22“ diktiert er ungefragt und par coeur die entsprechende Nummer. Das Angebot ist ihm ein Herzensanliegen.
Die anderen theologischen Wurzeln von Harry Bertschinger liegen in Taizé. Die damals noch ganz junge ökumenische Kommunität im Burgund übte auf ihn als Student eine solche Faszination aus, dass er zeitweise daran dachte, ihr beizutreten. Das Singen, die Stille, die Stimmung – das habe ihn beeindruckt und geprägt. Bei den Schwestern von Grandchamp, dem weiblichen Pendant zu Taizé, gestaltete er früher Retraiten und jetzt noch ab und an eine Abendmahlsfeier.
Viel später in seinem Leben zwang ihn seine Tätigkeit als Spitalpfarrer, sich eigene Antworten auf die Fragen nach Leben und Tod zu suchen. Das psychologische Rüstzeug, das man als Spitalpfarrer erhält, sei nicht schlecht, doch theologisch sei man ziemlich auf sich allein gestellt. Harry Bertschinger hielt sich an den Grundsatz von Paulus: „Prüfet alles, das Gute aber behaltet!“. Er besuchte Workshops mit Elisabeth Kübler-Ross, las anthroposophische Bücher und so weiter.

Enkel hüten, Stofftiere taufen
Und was macht der Pfarrer im Ruhestand heute? Er spielt Oboe, gibt Konzerte in kleinen Formationen. Und hütet die Enkel. Nachdem er kürzlich das jüngste Enkelkind getauft hatte, wurden beim Hüten des ältesten auch die Puppen und Stofftiere einer entsprechenden Zeremonie unterzogen. Der Enkel setzte sich aufs zur Empore umfunktionierte Bett, sang und spielte auf einer imaginären Orgel. Harry, streng nach Anweisung des Enkels, predigte und taufte. „Mit den Enkeln tut sich in meinem Leben noch einmal ein neues Kapitel auf, ein wunderschönes, finde ich.“

Andreas Fischer

Erschienen in: Gemeindeseite Nr. 8 vom 9.4.2009

 
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