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Die Ballerina (Monika Biedermann)

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It’s her! Foto von Monika Biedermann, entdeckt im Zimmer 205 des Altersheims Herzogenmühle.

Elmont, New York, 1315 Times Ave: Das Büro in der kleinen Wohnung ist kurzerhand zum Gästezimmer umfunktioniert worden, damit die Schwamendinger Pfarrersleute eine Unterkunft haben. Ihre Geschichte erzählt Monika, Tochter unseres Gemeindeglieds Friedi Biedermann, am Küchentisch. Zuvor hatte sie uns – Widerstand zwecklos – zum Essen eingeladen. Wenige Stunden später steht sie um fünf Uhr auf, während unsereins ausschläft. Einen grossherzigeren Menschen kann man sich kaum erdenken.

Als Kleinkind nahmen die Eltern sie mit ins Theater. Ganz ruhig habe sie zugeschaut. Sie war offenbar fasziniert von den Aufführungen. Von sich aus fing sie an, zuhause in der Wohnung herumzutanzen. Mit vier durfte sie an die Ballettschule Biel. Bald darauf wurde im örtlichen Opernhaus die Operette „Gräfin Mariza“ aufgeführt. Dafür brauchte es Kinder, und so kam Moni vor ihrem fünften Geburtstag zu ersten Auftritten.

Dann zogen Biedermanns nach Schwamendingen. Der Traum vom Tanzen zog mit. Moni besuchte zunächst die Ballettschule des Stadttheaters, später die neu eröffnete Privatschule im Waldgarten. Der Vater beharrte darauf, dass seine Jüngste eine Lehre absolvierte. Nachher war aber Schluss mit Kompromissen. Moni lebte ihren Traum und arbeitete von morgens bis abends an seiner Verwirklichung. Sechs bis acht Stunden übte sie täglich, den eigentlichen Unterricht nicht einberechnet. Neben dem klassischen Ballett standen Jazz, Modern Dance, Flamenco und afrikanischer Tanz auf dem Programm. Der Ablauf des Trainings war ebenso standardisiert wie die Stellungen, Schritte und Sprünge, die man lernte.

Monika beherrschte das ganze Repertoire. Sie zog damit aus in die Opernhäuser Europas. Die Konkurrenz war immens. Auf eine Stelle gab’s drei- bis fünfhundert Bewerbungen. Monika erhielt ein Angebot in Düsseldorf: In einem Jahr könne sie anfangen. Eine Freundin überredete sie, die Zwischenzeit mit ihr zusammen in New York zu verbringen. Dort lernte sie einen Mann kennen. Die Prioritäten verschoben sich. „Es fehlte vielleicht“, sagt Monika im Rückblick, „die pushende Lehrerin vom Waldgarten“. Man zog zusammen, Monika suchte sich einen Job als Verkäuferin. Dann wurde sie schwanger. Sie hörte auf zu tanzen, „und zwar radikal“, wie sie sagt. Nie mehr ging sie ins Theater, nicht einmal am Fernseher schaute sie sich Aufführungen an. Die Kinder kamen zur Welt, Remon zuerst, später Nermeen. Der Mann verfiel der Spielsucht, machte Schulden, das Häuschen musste verkauft werden. Er versprach aufzuhören. Eine Woche später fing er wieder an. In einer katholischen Kirche erhielt Monika Essen für sich und die Kinder. Es war eine katholische Nonne, die ihr schliesslich riet, sich scheiden zu lassen.

Hello! Smile!
Der Weg zur Arbeit führte Morgen für Morgen an einem Gebäude vorbei, vor dem ein Mann stand, der „Hello“ sagte, wenn er Monika sah. Der Mann – ein Afroamerikaner namens Joe – wusste nicht, dass dieses „Hello“ ihr die Kraft gab, die sie brauchte, um durch den Tag zu kommen. Sie arbeitete in der Nähe als Verkäuferin in einer Drogerie. Einmal kam er zufällig vorbei. Man kam ins Gespräch. Er sagte zu ihr: „Smile – everything will be alright“, „lächle, es wird alles gut“. Er spürte, dass sie sehr, sehr traurig war. Von da an waren die beiden Freunde, später wurden sie ein Paar. Joe nahm sie, die reformiert aufgewachsen und hier in Schwamendingen von Pfr. Harry Bertschinger konfirmiert worden war, die mit ihrem ersten – ägytischen - Mann in die koptisch-orthodoxe Kirche gegangen war und später bei der katholischen Kirche Hilfe gefunden hatte, mit in eine baptistische Kirche. Sie entschied, sich gemäss den Gepflogenheiten dieser Denomination noch einmal taufen zu lassen. „Es war für mich ein Neuanfang in meinem Leben“, erinnert sie sich. „Doch in allem, durch das ich durch gegangen bin, habe ich immer gebetet, in der Kirche, auch zuhause. Um das alles zu überstehen, brauchte es eine andere Kraft.“ Oft ist sie in den Gottesdiensten die einzige Weisse. Meist geht es laut, ekstatisch zu und her. „Daran habe ich mich gewöhnt, und mit der Zeit spürst du die Kraft. Es ist sehr aufstellend. Wenn du rauskommst, geht es dir gut.“ Und auch die message, die Botschaft sei positiv: „Wir alle begehen Fehler“, fasst Monika die oft stundenlangen Predigten zusammen, „Gott hat uns Menschen so geschaffen. Wir müssen versuchen, das Beste daraus zu machen.“

Seit zwei Jahren arbeitet Monika als Raumpflegerin an einer Schule – es sei„der erste Job, der nicht nur im Stundenlohn bezahlt ist, sondern richtig mit Krankenkasse und Kündigungsfrist.“ Nun ist sie finanziell abgesichert. Monikas Tochter hat vor einem Jahr geheiratet. Sie lebt in South Carolina und ist dort in einem Restaurant tätig. Sohn Remon lebt noch zuhause. Zurzeit ist er temporär beim Callcenter eines Baugeschäfts angestellt. Er mache das sehr gut, sagt die Mutter, doch die Zeiten seien schwierig.

Andreas Fischer

Erschienen in: Gemeindeseite Nr. 13 vom 26.6.2009

 
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