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Die Kindergärtnerin (Margrit Sidler)

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In Aktion als Gehörlosen-Kindergärtnerin: Margrit Sidler anno dazumal

In meinem Büro steht allzeit bereit die Musik-Wort-Stille-Schachtel. Sie enthält Karten mit handgeschriebenen und liebevoll illustrierten Sinnsprüchen. Oft und gern lasse ich mich bei Kurzandachten von diesen Karten inspirieren. Margrit Sidler, die sie gestaltet, hat auch auf die Vorbereitung unseres Gesprächs viel Zeit und Sorgfalt verwendet.

Auch das Porträt möchte sie unter einen Sinnspruch stellen. Martin Luther habe gesagt: „Niemals empfindet man die Hand Gottes stärker über sich, wie wenn man die Jahre seines vergangenen Lebens bedenkt.“ Eben dies sei ihre Erfahrung gewesen, als sie sich, wie sie sich ausdrückt, „auf Spurensuche nach der führenden Hand Gottes“ begeben habe. Dabei sei ihr aufgegangen, dass es in ihrem Leben „bestimmte Stationen gab, an denen Weichen gestellt worden sind“. Jede dieser Weichenstellungen sei nach einem bestimmten, sich wiederholenden Muster verlaufen: „Ich hatte einen Plan im Kopf, den ich realisieren wollte. Dann geschah etwas, was den Plan scheitern liess. Doch schliesslich, scheint mir, ist jedes Mal etwas Besseres herausgekommen. Jedes Mal gab es eine Wende zum Guten. Im Rückblick habe ich den Eindruck, ich sei immer geführt worden.“

Dass sie einst die Aufnahmeprüfung in die Töchti nicht bestand, war so eine Weiche. Die Eltern ermöglichten Margrit trotz schmalen Mitteln ein Zwischenjahr an der Freien Evangelischen Schule. „Dort habe ich gelernt zu schaffen, vorher habe ich das Leben wohl zu leicht genommen. Doch noch wichtiger war, dass ich dort eine Freundin fürs Leben kennenlernte. Diese nahm mich mit in die Pfadi, wo ich später zur Bienliführerin avancierte.“

Aus Nichts etwas machen
Im zweiten Anlauf schaffte Margrit die Aufnahmeprüfung dann problemlos. Der Weg zum Traumberuf Kindergärtnerin war geebnet. Als sie indes ins Seminar eintreten wollte, wurde ihr beschieden, dass sie dafür noch zu jung sei. Damit war die zweite Weiche gestellt. Margrit absolvierte ein halbjähriges Praktikum in einem Waisenhaus in Le Locle. Die initiative junge Frau stellte bald fest, dass es dort an allem fehlte. Sie rief Eltern und Freunde an und liess sich Wolle, Zündholzschachteln, Bleistifte etc. schicken. „Anfangs brachen die Kinder die Spitzen der Bleistifte ab, weil sie nicht wussten, was sie damit anfangen sollten.“

Dann fing Margrit an, mit den grösseren Mädchen Volkstänze einzustudieren: „Am 1. August setzte ich mich drinnen ans Klavier, draussen tanzten die Mädchen zur Musik. Der Direktor war beeindruckt. So lernte ich aus Nichts etwas machen.“ Wieder zurück in Zürich, schrieb sie ein Theaterstück mit dem Titel: „En Wisetraum“ und übte mit ihren Bienli die dazu gehörenden Tänze – Schmetterlings-, Maikäfer-, Heugümpertanz etc. – ein. Die Sache wurde ein grosser Erfolg und bescherte Margrit 1947 eine Einladung zum Volkstanz-Festival der Pfadi in England und Schottland. „Sechs Wochen dauerte der Anlass, es war ein wunderbares Erlebnis, junge Menschen aus acht Nationen, wir schliefen in Zelten, zeigten uns unsere Tänze und hatten einen Auftritt nach dem anderen. Die Menschen waren so offen, so aufnahmefähig, so lebenshungrig nach dem Krieg.“

Die nächste dieser glücklichen Enttäuschungen folgte nach Abschluss des Kindergärtnerinnenseminars: Margrit erhielt die Stelle nicht, auf die sie sich beworben hatte. Kurz darauf suchte die damals so genannte Taubstummenanstalt in Wollishofen eine Kindergärtnerin. Was Margrit dort mit den Gehörlosen erlebte, schildert sie anhand vieler Fotos: Da sind die riesigen Bauklötze, die sie schreinern liess, um mit den Kindern fiktive Verkaufsstände aufzubauen, da ist das Planschbecken, da ist der riesige Garten, in dem man barfuss gehen konnte, „ein totales Paradies“. Da sind die Esel und Ponys, die potenziell schwere Jungs sanft machten, ihnen Zugang zu ihren Gefühlen eröffneten.

Wenn der Richtige kommt
Vielleicht wäre Margrit Kolb heute noch dort, hätte sie nicht 1954, schon dreissig Jahre alt, Werner Sidler geheiratet. Er sei ihr frei Haus geliefert worden, erinnert sie sich, ein Zimmerherr im Elternhaus, der es, als er sie sah, bedauerte, dass sie schon vergeben war. Doch als sie in Paris je ein Geschenk für ihren damaligen Freund und Werner suchte und ihre Schwester frotzelte, sie suche aber länger für den Werner, da gingen ihr die Augen auf: „Da merkte ich, was es heisst, wenn der Richtige kommt.“

Es folgte eine glückliche Familienzeit mit Tochter Christa und Chuni, der Tibeter Adoptivtochter. Jahre später wiederholte sich das Weichenmuster noch einmal. Christa, inzwischen erwachsen und verheiratet, kaufte zusammen mit ihrem Mann ein Haus auf dem Thurgauer St. Pelagiberg. Es erwies sich als Bruchbude – und als idealer Arbeitsplatz und Lebensraum für den frischpensionierten Werner. Die Bruchbude wurde zum Prachtbau, der Garten unter Margrits grünem Daumen zu einem weiteren Paradies ihres Lebens. Als Werner schon todkrank war, begann er dennoch jedes Mal laut zu singen, wenn er dort oben ankam. 2006 starb er.
Mein Vorgänger Ruedi Pfister, der die Abdankung gestaltete, wies Margrit Sidler auf Musik-Wort-Stille hin. Seither ist sie daraus nicht mehr wegzudenken.

Andreas Fischer

Erschienen in: Gemeindeseite Nr. 4 vom 12. Februar 2010

 
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