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Der Bergsteiger (Albert Gilli)

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„Das Erlebnis im Berg ist das grösste.“

Sein Leben begann mit vier Jahren. Da holten ihn seine Pflegeeltern im Waisenhaus ab. An das, was vorher war, erinnert er sich nicht. Will er sich auch nicht erinnern: «Meine Pflegeeltern waren meine Zukunft. Sie nahmen mich unglaublich liebevoll auf. Und sie hatten eine» – nicht Engels-, sagt Albert Gilli, sondern – «Eselsgeduld mit mir.»

Für den Amtsvormund war Albert der Schwererziehbare, für den Lehrer das schwarze Schaf. Sein Lehrmeister warf ihm ein Pack Nägel nach, Albert fing es auf, warf es zurück, direkt ins Gesicht des Lehrmeisters, der hatte eine Zigarette im Mund. Als der Sohn des Lehrmeistersmit einem Holzscheit auf Albert losging, schlug der ihm den Holzhammer auf den Grind – Albert war immer schnell, und er trainierte Boxen, damals –, dann zog er seelenruhig das Übergwändli aus und wartete, bis die Polizei ihn abführte. Im Bezirksgebäude, dem Efeuhüüsli, kam er in U-Haft. Das Resultat war das gewünschte: weg vom Lehrmeister, neue Chance. Albert wurde Schreiner.

«Manchmal», sagt Albert Gilli rückblickend, «ist der Grat hauchdünn, ob du deine Chance packst oder keine Chance hast.» Albert war ein Sportverrückter: Im Hochsprung übertraf er seine Körperlänge, für 100 Meter brauchte er 11,2 Sekunden, den Laternenweg vom Albisgüetli hoch zum Üetliberg lief er in 24 Minuten. Er absolvierte Marathons und Waffenläufe in Spitzenzeiten. Und als er zufällig zum Eishockey kam, trainierte er so fanatisch, dass er es bis in die 1. Mannschaft von GC schaffte. Die spielte damals in der Nationalliga A. Dann hörte er auf, wegen Lämpen im Club, wegen Leisten- und Rückenproblemen und vor allem, weil ihn eine neue Leidenschaft gepackt hatte – und wenn ihn etwas packt, dann ist er intensiv dran, das ist immer so: Albert ging z Bärg.

Seelische Höhenflüge
Die ersten Versuche machte er auf dem Üetli. Dort begann alles, dort merkte er, dass er schwindelfrei ist. Trainings im Klettergarten folgten. Fortan seckelte er steilste Wege mit dem Rucksack hoch, um sich für Ski- und Klettertouren fit zu trimmen. «Das Erlebnis im Berg», sagt Albert Gilli, «ist das grösste. Bergsteigen ist Charakterschule: Da ist ein Ja ein Ja, und ein Nein ist ein Nein. Du spürst das volle Vertrauen des anderen, und das gibt dir Kraft.» Und immer wieder kommt Albert Gilli auf die seelischen Höhenflüge zu sprechen, die er beim Bergsteigen erlebt: «Manchmal hast du das Gefühl, du schwebst, du seist nicht mehr auf dem Boden. Dieses Gefühl bedeutet Gefahr. Das darf nur zwei Minuten so gehen, dann muss es im Hirni schalten, wenn’s nicht schaltet, dann wird’s heikel fürs Herz.»

Doch «seelischer Höhenflug» bedeutet noch anderes: «Dieses Gefühl auf dem Gipfel, diese unglaubliche Weite, es ist etwas, wofür dir die Worte fehlen, manchmal erlebe ich das auch, wenn ich Musik höre, oder in der Kirche, dann mag ich nachher nicht drüber reden, dann muss ich sofort gehen, es ist dann etwas da, was gedeiht, was aufgeht wie ein Samen in der Stille.»

«Ich hatte ein Riesenglück, dass ich zum Glauben erzogen worden bin, meine Eltern lebten mir das vor, wir waren materiell arm, doch in anderen Sachen waren wir reich. Ich bin ein Leben lang geführt worden von einer göttlichen Kraft, das ist wirklich so, die gibt es wirklich. Ich habe verrückte Sachen erlebt. Einmal brach an der Nordwand der Kreuzberge ein Gewitter über uns herein. Blitze zuckten, Steine flogen, es war eines der wenigen Male, dass ich Angst hatte. Dann verzog sich das Gewitter. Wir waren zwei Seillängen vom Gipfel entfernt. Es ging total leicht, der Fels war schon trocken, als wir oben ankamen. Wir warfen einen Blick ins Gipfelbuch, dachten noch, hoppla, der lebt auch nicht mehr, und der ist auch schon tot. Dann plötzlich, hinter uns, donnerte der Gipfelblock, über den wir eben noch geklettert waren, den Berg runter, genau auf die Route, die wir hochgestiegen waren. Solche Sachen hab ich ein paarmal erlebt. Da sagen dann auch die Bergkameraden, die sonst nur an Masel glauben, dass da mehr dahinter sein muss.»

Masel, Schlamassel, göttliche Kraft«
Mehr dahinter» war auch beim frühen Ableben eines der beiden Söhne von Albert Gilli: Gesund und tot war der, drei Wochen nach einer sportärztlichen Untersuchung blieb sein Herz stehen. Nicht Masel sondern Schlamassel, möchte man sagen. Doch Albert Gilli weilte zu jenem Zeitpunkt in der Innerschweiz, wo er früher manchmal mit der Familie campiert hatte. Allpott hörte er eine innere Stimme, er solle Christian anrufen. Jemand sagte noch zu Albert: «Hoffentlich findet das Telefongespräch statt.» Am nächsten Tag bestieg er den Grossen Mythen. Immer wieder war da dieser Appell: Ruf an! Zu diesem Zeitpunkt war Christian schon tot. «Weisst du», sagt Albert, «das mit der seelischen Verbundenheit, das ist nicht einfach so ein Spruch.» Und als Pfarrer Ruedi Pfister, der Christian beerdigte, fragte, woher er eigentlich die Kraft nehme, da antwortete Albert: «Das ist die göttliche Kraft, die musst du nicht trainieren, die ist da, ein Geschenk, das du bloss anzunehmen brauchst.»

Andreas Fischer

Erschienen in: Gemeindeseite Nr. 12 vom 11. Juni 2010

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