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Margrit (Margrit Kübler)

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Die betagte Frau mit dem Damenvelo gehörte zum Dorfleben. Manchmal sah man Margrit auch hinter dem Steuer ihres Autos. Bis weit über achtzig hatte sie ihren eigenen Garten. Vor ein paar Monaten rief sie mich an: „Es geht mir nicht gut, ich bin krank.“ Sie bat mich, sie aufs Bestattungsamt zu begleiten. Sie wolle die Dinge regeln, die es noch zu regeln gelte.

Nun sitzen wir in einem Zimmer des Waidspitals mit fantastischer Sicht über Zürich. „Ich werde bald sterben“, sagt Margrit mit der Nüchternheit, die sie immer schon auszeichnete. „Die Ärzte machen mir keine Hoffnung.“

Margrit Kübler machte nie grosse Worte. Über sechzig Jahr lebte sie mit ihrer Nachbarin im selben Haus. Als diese starb, sagte Margrit: „Sie war ein lieber Mensch“, und: „Wir hatten es gut“. Mehr sagte sie nicht, brauchte sie auch nicht zu sagen. Die beiden Sätze enthielten all die Erinnerungen, Erlebnisse, Emotionen, die sie mit der Nachbarin verbanden.

Die wortkarge Frau denkt viel und tief nach. In den Bibelwerkstätten bei uns im Pfarrhaus gehörten ihre kritischen Fragen zum festen Bestand der Diskussionen. „Kann man das überhaupt leben?“, fragte sie Mal für Mal bei der Auslegung der Bergpredigt, wenn sie sich mit Jesu Forderungen konfrontiert sah, den Feind zu lieben, das Licht der Welt zu sein, durch die schmale Pforte zu gehen.

„Stündelerin!“
Margrit war in einer Freikirche aufgewachsen, in der sie früh „Gerechtigkeit lernte“. Die Zehn Gebote konnte sie, wie viele andere Bibelstellen auch, auswendig, abends betete sie das Unser Vater, und am Sonntagnachmittag ging die Familie jeweils zur Kirche. Die wenigen Ausnahmen, an denen man stattdessen in die Badi ging und der Vater ein Zigarettli anzündete, um die Bremsen zu verscheuchen, gehören zu den schönsten Erinnerungen an ihre Kindheit.

Dass sie nicht ein gewöhnliches Kind der Landeskirche war, bekam Margrit von ihren Gspänli zu spüren. „Stündelerin“ riefen die ihr nach, und als sie am Religionsunterricht teilnehmen wollte, weil sie das interessierte, da berührte sie der Pfarrer an der Schulter und sagte, sie müsse raus: „Du gehörst nicht zu uns“. Umgekehrt lief ihr schon bald nach ihrer Einsegnung ein aufdringlicher Prediger der Pfingstmission nach – „regelrecht packen wollte mich der, ich flüchtete immer vor ihm“ – und ermahnte sie, es sei höchste Zeit, sich taufen zu lassen. Doch das konnte sie nicht, erzählt Margrit, und macht mit ihren Händen eine Geste zum Herzen hin. Stattdessen ging sie ein Jahr ins Welschland und dann in den Tessin, lernte französisch und italienisch und kaufte sich erstmals einen Lippenstift und Strümpfe mit schwarzer Naht, wie sie damals in Mode waren.

Zurück in Zürich lernte Margrit ihren Mann kennen, Hans Kübler, einen Fussballer, der bei GC spielte und ein Angebot für eine Profikarriere in Nürnberg in der Tasche hatte. „Doch dann kam ich auf die Bildfläche“, erinnert sich Margrit lächelnd. Als es, kurz nach der Goldenen Hochzeit, ans Sterben ging, sagte er: „Ich weiss, ich hatte ein schönes Leben, und es werden nicht alle achtzig.“ Hans hatte keine Angst vor dem Tod.

Wenn die Nachbarin noch da wäre…
Auch Margrit hat keine Angst. „Die grösste Überraschung erwartet mich jetzt, wo ich sterbe. Ich gehe euch voraus an einen Ort, zu dem ihr noch nicht hinkönnt.“ Für die Welt hier interessiere sie sich nicht mehr besonders, Internet, E-Mail… nei, das sei nüüt für sie, sagt sie resolut. Manchmal denke sie, wenn die Nachbarin noch da wäre, bei der könnte sie jederzeit läuten. Die holte amigs Margrits Wäsche von der Leine, wenn sie im Garten war und es zu regnen anfing. „Wir hatten es schön zusammen, doch alles Schöne geht zu Ende, und du kannst es nicht immer nur schön haben. Jetzt schauen wir, wie’s weitergeht.“ Und dann, ohne Zäsur, fragt Margrit: „Weisst du eigentlich, wie’s der Frau Meier geht. Und Marthi? Und Rolf“

Andreas Fischer

Margrit Kübler verstarb am 23. Februar 2011 im 87. Lebensjahr.

Erschienen in: Gemeindeseite Nr.6 vom 11. März 2011

 
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