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Der Existenzialist (Peter Mainz)

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In der katholischen Pfarrei in Cottbus war Peter Mainz zu DDR-Zeiten Jugendsprecher, Sigrist, Ministrant, Lektor. Die Band, in der er Bass- und E-Gitarre spielte, hiess „Exodus“. Das Motiv des Auszugs, des Ausbrechens und Aufbrechens, zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben.

Peter war das einzige von neunzig Kindern, das nicht zur Jugendweihe ging. Er sei Christ, lautete seine Begründung, die ihn zum Aussenseiter machte. Er konnte nicht teilnehmen an den Jugendstunden und –reisen, war nicht ins kulturell-gesellschaftliche Leben der damaligen DDR integriert. Auch das Abitur war ihm im rigiden System verbaut. Dabei hungerte er nach Wissen. Wissen ist Macht, hatte er von Karl Marx gelernt, wer nicht im System verblöden und vom System belogen werden wollte, der musste sich bilden.

Das Priesterseminar, wusste Peter, war ein Ort der Bildung. Da gab es Westbücher zu lesen, da war der Horizont weit. Drei Jahre studierte er in Magdeburg, mit dem Ziel, Priester zu werden. Der damals 19-Jährige unterzog sich einem klösterlichen Tagesablauf mit Tagzeitengebeten, trennte sich, gemäss ungeschriebenem Gesetz, von seiner Freundin.

Doch schleichend trennte sich Peter auch von sich selber und auch von seinem Gott. Er spürte sich nicht mehr, und Gott war ihm verloren gegangen. Von einem Wechsel nach Erfurt erhoffte er sich Besserung seiner seelischen Befindlichkeit, die er mit einem Begriff aus dem Existenzialismus als „nausée“, „Ekel“ beschreibt und die ihn zu Selbstmordgedanken trieb. Doch nichts wurde besser in Erfurt. Nach drei Wochen packte Peter seine Siebensachen und fuhr gen Polen. Das Retourbillet nach Krakau war Tarnung.

„O Gott, lass du den Kommunismus siegen“
Peter wollte nach Warschau, zur Botschaft der BRD. Eine Nonne übersetzte dem Taxichauffeur sein Anliegen. In einem katholischen Kloster, das polnische Mönche der deutschen Botschaft zur Verfügung gestellt hatten, wartete er gemeinsam mit anderen Fluchtwilligen darauf, wie’s weitergeht. Aus der BRD wurden LKWs mit Hilfsgütern angekarrt. Bei den offiziellen Verhandlungen war seitens der DDR auch Gregor Gysi zugegen. Die Dissidenten skandierten ihren Zorn, straflose Rückkehr war für sie kein Angebot, sie wollten einfach nur raus. Peter half dem polnischen Priester bei der Gestaltung der Gottesdienste, die Gewissheit im Ungewissen vermittelten. Ekelgefühle waren kein Thema mehr. Gott ging mit auf diesem existenziellen Exodus, er wies den Weg wie einst in der Wüste, als Wolken- und Feuersäule.

Die weltpolitischen Ereignisse verbanden sich mit Peters privaten auf dramatische Weise. Mit einem Sonderzug fuhr er, kurz vor der Wende, am Priesterseminar in Magdeburg vorbei in die Freiheit. In Helmstedt nahe der Grenze fand er für ein halbes Jahr Aufnahme bei einer evangelischen Familie. Dann studierte er katholische Theologie in Würzburg. Inspiriert vom grossen Mystiker, Trappistenmönch (und Konvertit) Thomas Merton hielt er ein Referat zum Thema „Wahres und falsches Selbst“, ein Landpfarrer gab ihm Drewermanns „Kleriker“ zu lesen, in einer Prüfung machte er sich Gedanken zu einem Lied von Wolf Biermann mit dem paradoxen Refrain: „O Gott, lass du den Kommunismus siegen“. Er erhielt die Bestnote.

Die anschliessende vierjährige Ausbildung zum Pastoralreferenten in Bamberg war ernüchternd. Das hohe Niveau der katholischen Theologie an der Universität, die Freiheit im Denken und Glauben musste einer engen, autoritätsgläubigen Attitude Platz machen. Sie zwang Peter, sich „nach unten“ anzupassen.

Selber denken
Nach Abschluss der Ausbildung arbeitete er als Pastoralassistent in verschiedenen Schweizer Pfarreien, doch den Geist der Freiheit, den er im Zweiten Vatikanischen Konzil ausgedrückt fand, entdeckte er hierzulande eher bei den Reformierten. Die Nüchternheit und Konzentration auf das Wort, der Slogan „Selber denken“, der Gedanke des Priestertums aller Gläubigen, die Offenheit für moderne Wissenschaft, gesellschaftliche Entwicklungen usw. – all dies kam Peters weitem Geist entgegen. 2003 beschloss er zu konvertieren. Noch einmal begab er sich an die Universität, um Seminare und Vorlesungen in Reformationsgeschichte und systematischer Theologie zu besuchen.

Nun hat Peter das Vikariat angetreten. Er möchte für sich klären, ob er als reformierter Pfarrer das geben kann, was er zu geben hat. Ob er den Raum findet, in dem er sich entfalten und für die Mitmenschen zum Segen werden kann. Er möchte für sich und für andere entdecken, was nur die Kirche und kein Kino und keine Oper enthält: ein Gefühl von Heimat, von Vertrauen und Geborgenheit, wo Status, Hierarchie, „Priestergefälle“ keine Rolle spielen.

Entscheidung
Immer wieder im Gespräch referiert Peter Mainz auf existenzialistische Begrifflichkeit. Nicht nur von „Ekel“, auch von „Glaube“, „Vollzug“, „Entscheidung“ ist die Rede. In den letzten Monaten befasste er sich intensiv mit dem Werk „Der Liebe Tun“ des Vaters des Existenzialismus, des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard. Dieser kam 1813 zur Welt. Der 200ste Geburtstag wird uns Gelegenheit geben, uns Kierkegaards – und Peters – Existenzialismus auszusetzen.

Andreas Fischer

Erschnienen in: Gemeindeseite Nr. 17 vom 14. September 2012

 
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