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Der neue Mann (Kurt Steffen)

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Porträt unseres neuen Kirchenpflegers Kurt Steffen

Einst, als Kurt ein Kind war, wurde er für ein paar Wochen in einem Pfarrhaus in Seebach untergebracht. Das Haus, in dem die siebenköpfige Familie gelebt hatte, war verpfändet worden. Der Möbelwagen war schon halb voll, als die Mutter gestand, dass man nicht wisse, wohin die Fahrt gehe. Die Möbel kamen dann vorübergehend in ein Lager, die Familie ins Pfarrhaus.

Es folgten Jahre in einer Dreizimmerwohnung, das Kinderzimmer war vollgestopft mit Betten, Kurt teilte sich eins mit dem älteren Bruder. Nach der ersten Schulwoche sah er den Vater zum letzten Mal, Kurt spürte, dass er auf Nimmerwiedersehen weggehen würde. Vater setzte sich in die damalige DDR ab. Zwanzig Jahre später rief er an, Kurt erkannte ihn, doch er sagte nur: «Ich habe keinen Vater» und legte auf.

Alimente hatte er nie bezahlt. Die Mutter putzte Büros, war Köchin an der Uni-Mensa. Sozialhilfe wollte sie keine beziehen. Man zog von Notwohnung zu Notwohnung, die Kündigungsfrist betrug vierzehn Tage, der Mietpreis 25 Franken. Die Kirche, sagt Kurt, handelte gut. Manchmal liess sie der Familie Lebensmittelpakete zukommen, manchmal kam der Pfarrer zu Besuch.

Vom Liftboy zum Banker

«Werd doch Pfarrer», schrie ihn der Chef an, als Kurt als Lehrling einen Koch in Schutz nahm. Er habe sich in seinem Leben manchmal in schwierige Situationen gebracht, weil er den Mund nicht habe halten können, kommentiert Kurt jene Szene, die eskalierte bis zu dem Punkt, wo der Chef mit einem Messer auf ihn los ging. Kurt rannte davon, sprang auf ein Tram und brach in Tränen aus. Ich hab’s verbockt, dachte er. Doch die Mutter machte ihm Mut: Bald sei Weihnacht, da könne man einen wie ihn in den Warenhäusern gebrauchen. Er begann als Liftboy. Nach ein paar Tagen meinte ein Vorgesetzter, der Junge könnte doch auch etwas anderes machen. Kurt kam in die Sportartikelabteilung und erwies sich als begabter Verkäufer. Man behielt ihn, er absolvierte eine Lehre, später wurde er Filialleiter beim Lebensmittelverein. Er machte eine Handelsschule, arbeitete beim Bankverein in der Wertschriftenkontrolle.

Vom Banker zum Trämler

Jahre später wurde er auf ein Angebot der VBZ aufmerksam, sich zum Chauffeur ausbilden zu lassen. 100 von 1100 Bewerbern wurden genommen, das Alterslimit lag bei 46 Jahren. Kurt war 45 – und bekam einen Platz. Anfangs war es seltsam, so ohne eigenes Telefon, dafür mit Uniform. Oft wurde er auf den gesellschaftlichen Abstieg vom Banker zum Trämler angesprochen. Doch Kurt gefiel der neue Job. Er öffnete ihm die Augen dafür, dass es arme Menschen gibt, körperlich Behinderte, solche, deren Probleme derart drängend waren, dass sie trotz mithörender Passagiere persönlichste Dinge erzählten. Vermutlich, sagt er, merkten die Leute, dass ich wirklich zuhöre.

Kurt Steffen war noch nicht im Schulalter, als ihm seine homosexuelle Veranlagung bewusst wurde. Das in der Sonntagschule vermittelte Gottesbild war ihm interessanterweise eine Hilfe, sein Anderssein zu akzeptieren. Wenn «Gott ist die Liebe» gesungen wurde, dachte er für sich, dann liebt Gott auch mich, so, wie ich bin, ich darf’s nur niemandem erzählen. Später hat er allerdings miterlebt, wieviel Leid es mit sich bringen kann, wenn die eigene sexuelle Identität verleugnet wird. Ein Cousin wurde von dessen in der Nazi-Ideologie Deutschlands aufgewachsenem Vater regelmässig verprügelt, bis er gegen seine homosexuelle Veranlagung eine Frau heiratete. Er verfiel dem Alkohol und starb mit gut fünfzig Jahren.

Kurt selber war dreissig, als er seiner Familie das bis dahin gutgehütete Geheimnis eröffnete. Sein damaliger Freund war katholischer Priester, auch der verschwieg seine Homosexualität, irgendwann hielt Kurt diese Verlogenheit nicht mehr aus. Inzwischen lebt er seit über dreissig Jahren mit seinem Lebenspartner René Lorétan zusammen. Sie wohnen in einem Häuschen an der Winterthurerstrasse, seit ein paar Jahren ist ihre Partnerschaft eingetragen.

Mit dem früheren Kirchenpflegepräsidenten Matthias Haupt nahm René einst an einer Begegnungsveranstaltung teil, bei der Gottesdienstbesuchende beim Kirchenkaffee ins Gespräch mit Schwulen kommen konnten. Kurt wollte bei dieser Viehschau – wie er sie nennt – nicht dabei sein, und schämte sich, dass sein Mann da hinging.

Wieder eingetreten, frisch pensioniert

In jener Zeit gehörte Kurt nicht zur Kirche. Er trat in den 70 er Jahren aus, als es kirchliche Verlautbarungen gab, die sinngemäss sagten, Homosexuelle seien als Menschen zu akzeptieren trotz ihres verwerflichen Tuns. Inzwischen hat ein befreundeter schwuler Pfarrer Kurt davon überzeugt, dass die Reformierten zu einer liberaleren Haltung gefunden haben.

Der wiedereingetretene Frischpensionierte hat sich bereit erklärt, Mitglied unserer Kirchenpflege zu werden. Er habe jetzt Ressourcen, und er fühle sich noch nicht verbraucht, erklärt Kurt Steffen sein ehrenamtliches Engagement. Und er sei der Meinung, dass die Kirche eine soziale Verantwortung habe. Es gebe auch heute noch versteckte Armut, wie er sie als Kind erlebte. Das sei seine persönliche Motivation.

Andreas Fischer

Erschienen in: Gemeindeseite Nr. 3 vom 25. Januar 2013

 
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