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Noel Dunsky (Der Sprachlehrer)

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Drei Wochen lang hatte Noel Dunsky uns Ivrit (Neuhebräisch) gelehrt, hatten wir auch im Alltag Ivrit miteinander gesprochen. Am letzten Abend gingen wir zusammen essen, und ich stellte ihm Fragen zu seinem Leben, seinem Gewordensein, seinen Überzeugungen.* Noel antwortete in ausgezeichnetem Deutsch.

Noel – der Name überrascht. Er mag hebräisch klingen, doch er ist französisch und bedeutet: Weihnacht. Seine Mutter, sagt Noel, habe diesen Namen geliebt, und ausserdem sei sie kosmopolitisch und säkular eingestellt. Ihre Familie stammt aus Danzig im heutigen Polen, ihr Vater war Deutscher, er weigerte sich, sich scheiden zu lassen, was ihn seine Apothekerlizenz kostete und seiner jüdischen Frau das Leben rettete. Nach dem Krieg wanderte sie – Noels Grossmutter – mit den Kindern nach Israel aus, er lebte bis zu seinem Tod in Ostberlin.

Noels Mutter, Karin Dunsky, war über drei Jahrzehnte Israels Topmodell, heute noch, als über Siebzigjährige, hat sie ihre eigene Facebookseite mit chiquen Bildern. Bei der Arbeit lernte sie Noels Vater, Mitinhaber einer damals sehr erfolgreichen Modefabrik kennen.

«Mensch der Welt»
Vom Vater hat Noel die Liebe zum Reisen, Kochen und Essen geerbt. Das Essen, sagt er, sei etwas vom Positiven in Israel: Die verschiedenen Kulturen, die hier zusammenkommen, bringen auch eine einzigartige kulinarische Vielfalt mit sich. Er sei ein «Mensch der Welt» und möge alle Arten von Essen. Als Einzelkind durfte Noel den obligatorischen dreijährigen Militärdienst in einem Büro in Tel Aviv absolvieren. Er hatte viel Freizeit, fing an, Deutsch und Französisch zu lernen. Nach dem Militär studierte er zunächst Psychologie und Medienwissenschaften und erlangte dann das Diplom als Fremdsprachenlehrer für Englisch und Hebräisch. Er möge Sprachen und Kulturen, sagt Noel, sein Ziel sei es, bis fünfzig noch vier weitere Sprachen zu lernen, nämlich Spanisch, Italienisch, Arabisch und Russisch.

Ob er dafür denn Zeit habe? Man sage, lautet die träfe Antwort, dass beschäftigte Leute für alles Zeit finden, was ihnen wichtig ist.

Goethe-Institut, Berlin, Thüringer Wald
Tatsächlich ist Noel sehr beschäftigt. Seit vier Jahren arbeitet er als selbständiger Sprachlehrer **, unterrichtet Privatschüler, Abiturienten, Angestellte von Firmen und Botschaften. In nächster Zeit will er ein neues, modernes Lehrmittel für den Hebräischunterricht entwickeln. Viel übers Sprachenlehren, sagt er, habe er beim Sprachenlernen gelernt. Insbesondere der Deutschunterricht am Goethe-Institut sei sehr gut gewesen, professionell, up to date. Vom Goethe-Institut erhielt er 2008 ein Stipendium für einen Sprachaufenthalt in Berlin. Seither ist Noel, wie viele Tel Avivim, ein grosser Berlinliebhaber.

Ganz Deutschland hat es ihm angetan. Es gebe dort, so Noels Einschätzung, einen funktionierenden öffentlichen Verkehr, eine entwickelte Demokratie, «und die Lebenshaltungskosten sind viel niedriger als hier, wo sich mit einem durchschnittlichen Einkommen kaum mehr leben lässt». Im Oktober 2010 unternahm Noel eine längere Deutschlandreise, fünfzehn Städte besuchte er, Höhepunkt war eine Wanderung durch den Thüringer Wald, einen der ältesten Wälder Europas, hier, in dieser feucht-grünen, dicht-dunklen Vegetation, wo der Himmel zeitweise nicht sichtbar ist und die Temperaturen stets kühl sind, meinte er den Wurzelgrund von Grimms Märchen und Goethes Gedichten wahrzunehmen. Und er fühlte sich hier mehr zuhause als in Tel Aviv mit seinem Strand, seiner Sonne.

Nach seinen Plänen gefragt, erinnert sich der vielseitig gebildete 38-Jährige an die Theorie des Zürcher Psychiaters C.G. Jung, dass um das vierzigste Lebensjahr herum eine Lebenswende eintrete. Er habe, sagt Noel, den Eindruck, dass sich bei ihm bald etwas ändern werde. Er wolle nach Berlin auswandern und zumindest einige Jahre dort leben. Er wolle nicht sein ganzes Leben an einem einzigen Ort verbringen.

«Das ganze Bild sehen»
Allerdings ist er zurzeit emotional an seine Wohnung gebunden, in der er zusammen mit zwei Katzen lebt. Beide hat er auf der Strasse gefunden, Bubi vor zehn Jahren, Ginger vor wenigen Wochen. Die beiden Wesen erinnern Noel tagtäglich an die ethischen Grundprobleme, die ihn beschäftigen: Dass wir Menschen eine Verantwortung für den ganzen Planeten haben. Dass wir zu viel für uns selber wollen und darunter nicht nur andere Menschen, sondern auch Tiere zu leiden haben. Es sei, sagt Noel, sehr altmodisch, nur an das eigene Land und die eigenen Grenzen zu denken. Es gebe viele politische Leader, die nur von kurzfristigen Interessen geleitet seien und «nicht das ganze Bild sehen». Das gelte vor allem für den Nahen Osten. Es sei allerdings auch «schwierig, an das Ganze zu denken, wenn man an das eigene Überleben denken muss». Er selber habe die Bombe im Bus Nummer 5 gehört, im Jahr 1994, in der Nähe des Dizengoff Centre, eines der furchtbarsten Selbstmordattentate in der Geschichte Israels, er war auch in Tel Aviv, als ein Jahr später Jitzchak Rabin ermordet wurde.

Dem ganzen Schrecken habe er nur seine Überzeugung entgegenzuhalten, dass das Partizipieren an Sprachen und Kulturen die Menschen zusammenbringe, dass durch Dialog, Kommunikation, wachsende Bewusstheit die Menschheit weitere Schritte machen könne.

Andreas Fischer

* Auf direkte politische Fragen bat er mich, zu verzichten. – Noel möchte seine politischen Ansichten nicht publiziert haben.
** www.language-links.com

Erschienen in: Gemeindeseite Nr. 15 25. Juli 2014

 
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