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Von Menschentöchtern, Gottessöhnen und Riesen: Gen. 6, 1-4

Einleitung Lesung

Wir haben Anfang Jahr mit einer Predigtreihe zum 1. Buch der Bibel begonnen, dem 1. Buch Mose, der sogenannten Genesis.

Wenn man sich Wort für Wort, Zeile für Zeile, Abschnitt für Abschnitt auf den Weg durch ein biblisches Buch begibt, dann begegnen einem fürwahr auch seltsame Texte. Einen davon (es ist vielleicht der allerseltsamste in der Bibel überhaupt) hören wir heute.

Wir antworten auf die dunklen Worte mit einem hellen Lied: „Christus, dein Licht verklärt unsre Schatten“ (169)

Es ist ein sogenanntes Taizé-Lied, wir singen es, wie das in der Communauté des Taizé üblich ist, mehrmals und lassen es irgendwann ausklingen.

Und nun hören wir, von NN gelesen, aus Genesis, Kapitel 6, die Verse 1-4:
 
Lesung: Von Menschentöchter, Gottessöhnen und die Riesen

6, 1 Als sich aber die Menschen auf der Erde zu mehren begannen und ihnen Töchter geboren wurden, 2 sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter der Menschen waren, und sie nahmen sich alle, die ihnen gefielen, zu Frauen. 3 Da sprach der EWIGE: Mein Geist soll nicht auf immer im Menschen bleiben, weil auch er Fleisch ist. Seine Lebenszeit soll hundertzwanzig Jahre sein. 4 Zu jener Zeit - und auch später noch -, als die Gottessöhne mit den Töchtern der Menschen verkehrten und diese ihnen Kinder gebaren, waren die Riesen auf Erden. Das sind die Helden, die es vor Zeiten gab, die hochberühmten.

Predigt

Der Text gehört, wie gesagt, zu den rätselhaftesten der Bibel. Man fragt sich, zum Beispiel, wer mit diesen „Gottessöhnen“ gemeint sei. Im Prinzip gibt es darauf zwei Antworten:

• Entweder sind es Wesen, die zur himmlischen Welt gehören, Engel, Halbgötter, Giganten, Titanen.
• Oder aber es sind mächtige Menschen-Männer gemeint, deren Macht mithilfe des mythologischen Begriff „Gottessöhne“ betont wird.

Nehmen wir an, es seien mit den „Gottessöhnen“ Menschen und nicht Götter gemeint. Man erinnert sich dann zum Beispiel an den König David. Er sah vom Dach des Palastes aus die schöne Bathseba, die ein Bad nahm. Daraufhin schickte er deren Mann, den Hetiter Uria, an die Front, wo er ums Leben kam. Die Bahn war frei, um Bathseba zu ehelichen. David gehörte mithin zu jenen mächtigen Männern, die sich, wie es im Text heisst, „alle, die ihnen gefielen, zu Frauen nahmen“.

David ist bekanntlich die Lichtgestalt unter den Königen Israels, er ist nicht nur ein weiser Herrscher und erfolgreicher Kriegsherr, er ist auch ein hochmusikalischer Künstler. Die meisten Psalmen der Bibel sollen auf ihn zurückgehen.

Auf ihm ruhte der Geist Gottes, wie er früher schon auf charismatischen Männern in der Frühzeit des Gottesvolkes ruhte.

Es waren Propheten, Dichter, Kriegshelden wie Gideon und Simson. Der eine besiegte mit einem kleinen Trupp von Soldaten, mit Posaunen und Fackeln, ein übermächtiges feindliches Heer. Der andere erschlug mit einem Eselskieferknochen tausend Philister. Nachher sang er das derbe, deftige Lied:

„Mit dem Eselsbacken hab‘ ich sie tüchtig geschunden, / mit dem Eselsbacken schlug ich tausend Mann.“

Von beiden, Gideon und Simson und noch weiteren Recken der Frühzeit Israels heisst es, sie haben ihre Heldentaten jeweils getan, „als der Geist Gottes über sie kam“.

Um diesen Geist geht es auch in unserer Lesung (V. 3). Er war offenbar schon in der Frühzeit der Menschheit wirksam. Der grosse deutsch-jüdische Gelehrte Benno Jacob schreibt dazu in seinem Genesis-Kommentar:

„In dieser ersten Menschheit gab es Persönlichkeiten, die berauscht von ihrer Gottähnlichkeit und in ihrem durch den Geist Gottes in ihnen erzeugten und hochgesteigerten Lebensgefühl sich Gottmenschen dünkten und dafür galten, die sich als ‚Übermenschen‘ betrugen und ‚auslebten‘, Gewaltige und Tyrannen.“
(176; der ganze Gedankengang folgt Jacob!)


Ein Merkmal dieser „übermenschlichen“ Persönlichkeiten in der Urzeit war ihre lange Lebensdauer. In den Zeilen vor unserer heutigen Lesung ist die Rede von Metusalach, den wir als Methusalem kennen, den ältesten Menschen, der je gelebt haben soll. Methusalem wurde sagenhafte 969 Jahre alt.

Sein Sohn Lamech, der Vater Noahs, schaffte es immerhin auf 777 Jahre. Von Lamech nun heisst es, er habe zwei Frauen gehabt. Meine Frau befand zwar, Lamech müsse eine treue Seele gewesen sein – nur zwei Frauen in so vielen Jahren.

Doch es fällt auf, dass es im hebräischen Urtext mit demselben Wort wie in unserer Lesung heisst: Lamech „nahm“ sich zwei Frauen. Benno Jacob schreibt:

„Das Übermenschentum, von dem Lemech ein Beispiel ist, begann mit … Frauenraub und Unterdrückung.“

Wie es weitergeht, wissen wir:

„Gott sah, dass der Menschen Bosheit gross war auf Erden, und dass alles Dichten und Trachten ihres Herzens die ganze Zeit nur böse war. Da reute es den EWIGEN, dass er den Menschen geschaffen hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn tief. Und der EWIGE sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vom Erdboden vertilgen.“ (Gen. 6, 5ff.)

Dann schickt Gott die Sintflut über die Erde. Sie bedeutete, wie man weiss, nicht das Ende. Noah und die Seinen überlebten in der Arche. Und nach der Sintflut schwor Gott im Zeichen des Regenbogens, das er nie wieder das Chaos über die Erde hereinbrechen lassen werde.

Doch allemal: Die Allmachtsfantasie von Lamech und David und all der anderen mächtigen Männer soll reduziert werden auf ein menschliches Mass.

„Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut“, lautet ein berühmtes Diktum des britischen Historikers Lord Acton, das er m.W. als Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeitsdoktrin äusserte. Es passt ebenso in unseren Zusammenhang wie jenes andere: „Grosse Männer sind fast immer schlechte Männer.“

Gottes Form, die Allmachtsfantasien auf ein menschliches Mass zu reduzieren, war die Reduktion des Lebensalters. Die Lebenszeit, sagt Gott in der heutigen Lesung, soll fortan 120 Jahre sein.

In der jüdischen Forschung hat man schon lange festgestellt, dass die 120 Jahr sich auf die Lebenszeit des Mose beziehen. Der charismatische Leader Israels, der das Volk aus der Sklaverei durch die Wüste ins Gelobte Land leitete – er wurde genau 120 Jahre alt. Das ist das Mass der Macht, was darüber ist, ist von Übel.

Man hätte es Mose gewünscht, dass er seine Mission zu Ende hätte führen können. Dass er gemeinsam mit seinem Volk den Jordan hätte überschreiten und in das Gelobte Land einziehen dürfen.

Doch seine Zeit wurde von Gott selber begrenzt auf das menschliche Mass: „120 Jahre soll seine Lebenszeit sein.“ Machtmissbrauch sollte, nach dem Willen Gottes, durch solche Amtszeitbegrenzung für immer auf ein erträgliches Mass reduziert werden.

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Der Weg, den Gott mit uns Menschen geht, war damit noch nicht zu Ende. Es ist ein Weg der fortlaufenden Schwächung unseres Egos. Der Weg kommt zu seinem Ziel im „Gottessohn“ an sich, in Jesus von Nazareth. Dessen Botschaft lautete, dass die Armen, die Trauernden, die Sanften und die Barmherzigen, die Hungernden und Dürstenden selig seien und dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig werde.

Und von da her lässt sich unsere heutige Lesung nochmals neu und ganz anders lesen: Man muss kein Experte für das Alte Testament sein, um zu merken, dass unsere heutige Lesung kein Text aus einem Guss ist. Am Bildungsabend am vergangenen Mittwoch habe ich darzulegen versucht, dass vielen der Mythen und Sagen der Genesis ältere Vorstufen vorausgehen, die mündlich überliefert worden sind. Das ist auch bei unserer heutigen Lesung ganz offensichtlich der Fall.

Manchen von Ihnen ist vielleicht die Geschichte aus der griechischen Mythologie bekannt: Die beiden Gottheiten „Ouranos“ (was „Himmel“ bedeutet) und „Gaia“ (was „Erde“ bedeutet) brachten die Titanen zur Welt, ein riesenhaftes Göttergeschlecht.

Diese Geschichte der Göttergeburt hat Entsprechungen in der ägyptischen, der phönizischen, der hettitischen und auch der germanischen Mythologie. – Deshalb ist man in der Forschung einhellig der Meinung, dass es eine uralte mündliche Sage gibt, die in unsere heutige Lesung eingeflossen ist. Sie könnte in etwa so gelautet haben:

D Göttersöön händ gsee, we schöön d Mänschetöchtere gsii sind. Drum händs si si ghürate, und dänn händ die Mänschetöchtere Chind uf d Wält braacht. Das sind d Riise uf Erde gsii, die hochberüemte Helde vo de Uurziit.


So simpel und stringent war wohl die urzeitliche Sage, die unserer heutigen Lesung zugrunde lag.

Tief unten, in der vorbewussten Urzeit, im Urgrund der Seele gibt es eine Vereinigung von Göttlichem und Menschlichem. Nach dieser ursprünglichen Einheit sehnt sich unsere Seele zurück.

Man würde die folgenden Aussagen nicht wagen, wenn man sich nicht auf Geistesgrössen wie den jüdischen Gelehrten Martin Buber und die deutsche Feministin und Befreiungstheologin Dorothee Sölle beziehen könnte.

Sie beide zitieren die grosse mittelalterliche Mystikerin Mechthild von Magdeburg, die „in einer Sprache über die gott-menschliche Beziehung gesprochen hat, die … als tollkühn erscheint“ (Sölle 157):

„O Herr, minne mich gewaltig und minne mich oft und lang; je öfter du mich minnest, um so reiner werde ich; je gewaltiger du mich minnest, um so schöner werde ich; je länger du mich minnest, um so heiliger werde ich hier auf Erden.“


Dorothee Sölle kommentiert diese Worte folgendermassen:

„Gott ist ‚allzeit liebeskrank nach mir‘, und es ist diese andere ungetrennte Frömmigkeit, die die erotische Macht in der Schöpfung feiert… Abspaltung, nicht Vereinigung ist, was Menschen zerstört. Eros ist einer der Namen Gottes.“ (Mystik und Widerstand, S. 157)

Ganz ursprünglich, in mythischer Vorzeit war diese „andere, ungetrennte Frömmigkeit“. Sie wird mythologisch zum Ausdruck gebracht in der Vereinigung von Göttersöhnen und Menschentöchtern, von Ouranos und Gaia, von Himmel und Erde, wobei es zu bedenken gilt, dass die Seele der Menschen – der Frauen UND der Männer – immer weiblich ist. Auch meine anima (Seele) ist weiblich.

Es geht um die Vereinigung von Gegensätzen, um die Verbindung von Diesseits und Jenseits, wie sie auf „erotische“ Weise in den Worten von Mechtild von Magdeburg und Dorothee Sölle zum Ausdruck kommen.

Erotik ist ein Weg zur Einheit, doch nicht der einzige. Dorothee Sölle beschreibt in ihrem wunderbaren Alterswerk „Mystik und Widerstand“ noch weitere Wege wie Natur, Leiden, Gemeinschaft, Freude.

Ein anderer Weg ist der Tod.

Dieser Weg zeigt sich in dem Bild, das Sie vor Ihren Augen haben – ein Kind hat dieses Bild für die Eltern eines tot geborenen Kindes gezeichnet, das ich vor etwa vier Jahren zu beerdigen hatte:

Da ist, auf dem Bild, diese Verbindung von Diesseits und Jenseits über die Herzen der Liebe und über den Regenbogen, dem Symbol, das nach der Sintflut auftaucht.

Um diese Verbindung geht es, im Sterben, in der Erotik und auf all den anderen spirituellen Wegen, die Dorothee Sölle in ihrem Buch beschreibt --- und auch in unserem alltäglichen Leben.

Aus dieser Verbindung erwachsen uns die Kräfte, die im Mythos als Riesenkräfte, als Kräfte der Titanen und Giganten beschrieben werden. Es sind dies keine zerstörerischen Ego-Kräfte – vielmehr ist es die Kraft, die aus Gott kommt. Es ist die Kraft, die im Schwachen mächtig wird. Aus dieser Kraft, der Christus-Kraft sollen und dürfen wir leben, heute und alle Tage „unserer Lebenszeit“. Amen.

Gottesdienste vom 8. und 15. Februar 2015
Andreas Fischer

 
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