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Der Turmbau zu Babel: Gen. 11, 1-9 (Eröffnung Brot für alle)

Einleitung

Wir befinden uns am Anfang der Fasten- und Passionszeit, die mit dem Aschermittwoch vierzig Tage vor Ostern begonnen hat.

Die Passionszeit ist Zeit der Erinnerung an die eigene Sterblichkeit. Deshalb singen wir im Anschluss an die Lesung ohne weitere Ankündigung das Lied, das der Barockdichter Andreas Gryphius 1650, kurz nach Ende des dreissigjährigen Krieges geschrieben hat: „Die Herrlichkeit der Erden muss Rauch und Asche werden“ – bei Nummer 750 die Strophen 1-3 sowie 9 und 10.

Und jetzt hören wir in unserer fortlaufenden Lektüre der Genesis, von NN gelesen, die Geschichte vom Turmbau zu Babel, wie sie im 11. Kapitel der Genesis überliefert ist:
 
Text: Der Turmbau zu Babel (Genesis 11, 1-9)


11, 1 Alle Bewohner der Erde aber hatten eine Sprache und ein und dieselben Worte. 2 Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und liessen sich dort nieder. 3 Und sie sagten zueinander: Auf, wir wollen Ziegel formen und sie hart brennen. So diente ihnen der Ziegel als Baustein, und der Asphalt diente ihnen als Mörtel. 4 Und sie sagten: Auf, wir wollen eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, und uns so einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. 5 Da stieg der EWIGE herab, um die Stadt zu besehen und den Turm, die die Menschen bauten. 6 Und der EWIGE sprach: Sieh, alle sind ein Volk und haben eine Sprache. Und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Nun wird ihnen nichts mehr unmöglich sein, was immer sie sich zu tun vornehmen. 7 Auf, lasst uns hinabsteigen und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner mehr die Sprache des andern versteht. 8 Und der EWIGE zerstreute sie von dort über die ganze Erde, und sie liessen davon ab, die Stadt zu bauen. 9 Darum nannte man sie Babel, denn dort hat der Herr die Sprache aller Bewohner der Erde verwirrt, und von dort hat der EWIGE sie über die ganze Erde zerstreut.

Predigt

Belo Monte ist ein Staudammprojekt im Amazonasgebiet im Norden Brasiliens. Xingu, ein riesiger Seitenfluss des Amazonas, soll mit drei Dämmen zu zwei Seen gestaut werden, die insgesamt ungefähr die Fläche des Bodensees haben.

Der Bau des Staudamms ist mit tiefen Eingriffen in die Natur und den Lebensraum der dort beheimateten Indios verbunden. 20.000 bis 40.000 Eingeborene sollen umgesiedelt werden.

Das Projekt ist der Stolz der brasilianischen Regierung. Die amtierende Präsidentin, Dilma Rousseff, bezeichnet es als die wichtigste Leistung ihrer letzten Amtszeit. Lula, ihr charismatischer Vorgänger, trat in einem Fussballstadion in der Gegend auf und wetterte mit erhobener Faust gegen die Gringo-Umweltschützer. Kein Gringo, sagte er, soll seine Nase in Dinge hineinstecken, die ihn nichts angehen.

Einer dieser Gringos ist Dom Erwin Kräutler, der ursprünglich aus Österreich stammende Bischof der Diözese Xingu. Dom Erwin, der 1987 einen Mordanschlag überlebte und seither unter ständigem Polizeischutz steht, ist Träger des Alternativen Nobelpreises. In einem Interview sagte er kürzlich:

„Vor 50 Jahren bin ich von Österreich nach Brasilien gekommen. Ich kenne, sage ich mit voller Überzeugung, den Xingu wie sonst niemand. Und ich höre den Schrei dieser Völker. Ich weiss, was der Fluss für diese Menschen bedeutet. Ich weiss auch, dass die Regierung den Fluss in seiner Gänze opfern will. Und das ist … ein Dolchstoss ins Herz von ganz Amazonien. Ich weiss, dass wir Energie brauchen, aber auf diese Art und Weise geht es nicht. Man kann nicht Völker der Energiegewinnung opfern.“ (36)

Ein anderer solcher Gringo ist der, welcher dieses Interview mit Dom Erwin geführt hat. Er heisst Carl von Siemens, gehört mithin zur Siemens-Familie und ist Aktionär der gleichnamigen Technologiefirma. Bei der Hauptversammlung der Siemens AG am 28. Januar letzten Jahres in der Münchner Olympiahalle mit ca. 8000 Teilnehmern ergriff eine brasilianische Frau das Wort. Ihre Rede endete folgendermassen:

„Wie können Sie … die Augen verschliessen vor dem, was dieser Staudamm mit dem Leben der Menschen anrichtet?“

Carl von Siemens fühlte sich unmittelbar angesprochen:

„Tatsächlich war mir, als wäre jemand vom anderen Ende der Welt angereist, um mich persönlich um Hilfe zu bitten. Brasilien war weit entfernt, und seine Energiepolitik ging mich eigentlich nichts an. Doch da ich aus den Projekten der Siemens AG eine Dividende bezog, war die Geschichte … zu meiner eigenen geworden, ob ich es wollte oder nicht.“ (28)

Carl von Siemens reiste anonym nach Brasilien, seine Erfahrungen und Überlegungen hat er in einem Artikel festgehalten, der kürzlich im Magazin erschienen ist (31. Jan. 2015)

Ich erzähle von Carl von Siemens‘ Reise nach Brasilien,
• weil sie zur BROT FÜR ALLE-Zeit passt, die wir mit dem heutigen Gottesdienst eröffnen.
• Weil wir als Gemeinde dieses Jahr das Länderprogramm Brasilien des HEKS unterstützen.

Ich erzähle die Geschichte auch,

• weil Carl von Siemens in seinem Artikel einen zentralen Punkt zum Verständnis dessen anspricht, worum es in der BROT FÜR ALLE-Zeit geht: Wir helfen nicht fremden Menschen in fernen Ländern, jedenfalls nicht nur. Sondern wir öffnen unser Bewusstsein dafür, dass wir, „ob wir es wollen oder nicht“, mit diesen Menschen verbunden sind, über die Dividenden vielleicht, jedenfalls über wirtschaftliche, klimatische und nicht zuletzt auch über spirituelle Kanäle: „We are one“, heisst es in dem Lied, das wir vorher gesungen haben. „Wir sind eins“.

• Und es gibt noch einen weiteren Bezugspunkt: Das Bauprojekt von Belo Monte erinnert an jenes von Babel. Beide Projekte scheinen irgendwie Ausdruck menschlicher Hybris zu sein, menschlicher Anmassung und Selbstüberschätzung.

Der Theologe Karl Barth setzt die Geschichte vom Turmbau zu Babel gleich mit jener von Adam und Eva, die von der verbotenen Frucht essen und aus dem Paradies vertrieben werden. Auch damals, im Paradies, bestand eine ursprüngliche Einheit, wie am Anfang der Turmbaugeschichte, wo es heisst: „Alle Bewohner der Erde hatten eine Sprache und ein und dieselben Worte.“

Was damals in der Urgeschichte, im Paradies und beim Turmbau, geschah, das, hat man den Eindruck, wiederholt sich beim Bau des Staudamms: Eine ursprüngliche Einheit, eine paradiesische Welt wird zerstört. Auf berührende Weise schildert Carl von Siemens das Leben der Indios:

„Sie kannten keine Erbsünde. Im immergrünen Regenwald verstanden sie wenig von Zeit, und es war ihnen nicht zu vermitteln, dass es ein Paradies gebe, das erst nach dem Tod betreten werden kann.“ (nach 37)

Das Paradies nach dem Tod ist ihnen deshalb nicht zu vermitteln, weil sie selber hier und heute in diesem paradiesischen Urzustand leben – und nicht nur sie. Dasselbe gilt für die Flora und Fauna, die sie umgibt. Von Siemens schreibt:

„Ich erfuhr von dort beheimateten Arten, die durch die Trockenlegung bedroht sind oder aussterben werden. Darunter sind eine Subspezies des braunen Satansaffen, dessen Gesicht wie ein überfahrener Autoreifen aussieht, ein vegetarischer Piranha oder der Zebrawels in seinem feenhaft schönen Schleierkleid. Welche Chancen haben diese Kreaturen, angesichts der gewaltigen Interessen, die am Amazonas am Werk sind? Nach der Logik der industriellen Entwicklung sind sie nicht nur überflüssig geworden, sondern stellen, weil unter Naturschutz, ein handfestes Hindernis dar.“ (nach 33)

Die paradiesische Welt der Indios, der Satansaffen, Zebrawelse und vegetarischen Piranhas wird durch Projekte wie jene von Babel und Belo Monte zerstört, im Namen der Logik der industriellen Entwicklung. Was bleibt, sagt Karl Barth, sind schmerzliche Erinnerung und grosses Heimweh:

„Die ursprüngliche, die schöpfungsmässige Einheit … wird … zu einer schmerzlichen Erinnerung… Es wäre nicht gut, sich dem grossen Heimweh … entziehen zu wollen. Es wäre also nicht gut, das Auseinander und Nebeneinander … als selbstverständlich und unwiderruflich hinzunehmen… (Man wird) die Unruhe, die Frage, die Sehnsucht, die Hoffnung nicht unterdrücken und auslöschen dürfen“. (nach 359)

Besonders jetzt, in der Fastenzeit, gilt es, die Unruhe, die Frage, die Sehnsucht, die Hoffnung nicht zu unterdrücken, nicht auszulöschen, sondern im Gegenteil: wachzuhalten, zu wecken, wiederzubeleben. Wir leben weit weg von zuhause. Die ursprüngliche Lebensweise jener Indios ist uns allenfalls noch im Modus des Heimwehs und der fernen Erinnerung erhalten geblieben.

Die Fastenzeit, die nunmehr beginnt, gibt einem Gelegenheit, zum Wesentlichen zurückzukehren,
• zu jenem Urzustand, in dem die Indios noch leben würden, wenn kein Staudamm sie daraus vertreiben würde.
• Jenem Urzustand, in dem die ersten Menschen lebten, bevor sie vom Baum der Erkenntnis assen.
• Jenem Urzustand, in dem die Urbewohner eine Sprache hatten, bevor sie hybride Wolkenkratzer zu bauen anfingen.

„Down on my knees“ heisst der Song, den die Smart Singers im Nachklang dieser Predigt singen werden. „Unten auf meinen Knien“, heisst das übersetzt. Das klingt nach Erniedrigung.

Und tatsächlich geht es um Er-Niedrigung, jetzt in der Fastenzeit. Es geht darum, niedrig zu werden, gleichsam auf die Augenhöhe eines Kinds zu gelangen und von dort her die Welt zu betrachten. Einfach zu werden, „so wesentlich, so reine“, wie es in dem Lied von Tersteegen heisst, das wir eingangs gesungen haben.

Das wäre dann, stelle ich mir vor, auch die paradiesische Perspektive der Ureinwohner des Urwalds.

Übrigens ist uns bei dieser Bewegung „down on our knees“, bei dieser Bewegung hinunter, immer tiefer hinunter Gott selber Vorbild.

Das bringt die Geschichte vom Turmbau zu Babel mit leiser Ironie und feinem Humor zum Ausdruck. Während die Menschen zueinander sagen: „Auf, lasst uns einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht“, sagt Gott zu seinem himmlischen Thronrat: „Auf, lasst uns hinabsteigen.“

Dieser Abstieg Gottes weist uns den Weg, jetzt in der Fastenzeit. „Down on my knees“ gilt es, niedrig zu werden. Darum „auf, lasst uns hinabsteigen“.

Sonntag, 22. Februar 2015
Andreas Fischer

 
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