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Rut

Der Anfang ist bitter. „Nennt mich nicht mehr Naomi (d.h. die Liebliche), sondern Mara (d.h. die Bittere)“, sagt die Rückkehrerin. Was ist geschehen?

In der Frühzeit Israels kommt eine Hungersnot über das Land. Ein Mann von Bethlehem in Judäa emigriert mit seiner Frau, die Naomi heisst, und seinen beiden Söhnen ins Nachbarland Moab. Dort heiraten die Söhne einheimische Mädchen. Dann stirbt der Mann und, sehr jung, auch die Söhne. Naomi bleibt nichts anderes, als ins Heimatland zurück zu kehren. Eine der moabitischen Schwiegertöchter, Rut, zieht zusammen mit der mittellosen Witwe in die Fremde.

Dort begegnet sie beim Ährenlesen auf einem Feld Boas, dem reichen Verwandten von Naomi. Nun neigt sich der Bogen der Geschichte dem glücklichen Ende zu. Die Tendenz dieser Novelle, die zur Weltliteratur gehört, ist auffallend fremdenfreundlich. Im Gesetz von Moses heisst es: „Kein Moabiter darf in die Gemeinde des Herrn eintreten.“ (5. Mose 23, 3) Eben dies widerfährt aber der Moabiterin Rut. Der Autor – oder ist es eine Autorin? – geht pädagogisch geschickt vor: Zuerst lässt er die „Inländerin“ Naomi ins Ausland ziehen, dann erst die Ausländerin Rut ins Inland. Auf diese Weise veranschaulicht er den Sachverhalt, dass alle Menschen überall ausser im eigenen Land Ausländer sind.

Das Buch Rut handelt von Fügung und Führung. Es erzählt vom „Gott Israels“, zu dem Rut gekommen ist, sich „unter seinen Flügeln zu bergen“ (2, 12). Allerdings tut es dies leise. Da ist kein Allherr, der Meere spaltet und Feuer auf Städte wirft. Nur zweimal greift die Gottheit direkt ein: Am Ende der Hungersnot gibt sie wieder Brot (1, 6), und sie bewirkt, dass Rut schwanger wird (4, 13). Ansonsten sind es die Menschen, die Gutes tun. Die Güte Gottes wirkt gleichsam durch sie.

Das alttestamentliche Buch Rut ist mehr als die liebliche Idylle, die Goethe darin sah. Doch es hat tatsächlich etwas Leichtes, das zum Sommer passt. In einem Zyklus von vier Predigten während der Sommerferien 2007 wurde es ausgelegt.

Andreas Fischer

 
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